Kommentar 1-2/2017

  • Sascha Karberg: Keine Demokratie ohne Akzeptanz von Evidenz

    KOMMENTAR

              

    31.01.2017   Kaum war Donald Trump als Präsident gewählt, reagierten Pharma- und Biotech-Kurse an den Börsen mit Zuwächsen. Die Folge eines stupiden Reflexes von Anlegern, ein Vertreter der Wirtschaft sei allemal besser für die Gewinnaussichten der Branche als die Vertreterin einer Politik, die Preise für Medikamente angemessen regulieren wollte. Die Quittung für diese naive Herangehensweise bekommt die Branche nun zu spüren. Nicht nur hat sich Trump mittlerweile ebenso kritisch gegenüber Medikamentenpreisen geäußert wie Hillary Clinton. Er hat die Pharmaindustrie sogar bezichtigt, mit „Mord davonzukommen“. Und eine der ersten Amtshandlungen seiner Regierung und der in Senat und Kongress mehrheitlichen Republikaner ist das Einkassieren von Obamacare – wodurch 18 Millionen Amerikaner ihre Krankenversicherung verlieren und damit als Käufer für die Medikamente der Pharma-Firmen wegfallen werden.

               
    Während die biopharmazeutische Industrie mit Clinton in eine sachliche, auf Fakten basierende Debatte über angemessene Preise für therapeutische Innovationen hätte einsteigen können, ist Trump so greifbar wie eine Qualle. Nicht nur, dass konkrete Pläne fehlen, wie der Affordable Care Act zu ersetzen ist. Nicht nur, dass niemand absehen kann, wie eine Trumpsche Gesundheitspolitik aussehen könnte. Die größte Gefahr liegt darin, dass eine Regierung Trump auf Fakten pfeift. Das ist nicht nur aber vor allem für Branchen verheerend, deren Geschäftsmodell direkt oder indirekt von Wissenschaft und Forschung abhängt. Und vom gesellschaftlichen Konsens, dass die wissenschaftliche Methode die einzig gangbare ist, um Quacksalberei von wirksamen und sicheren Therapien, Wertvolles von Wertlosem, zu unterscheiden.

             
    Schon immer hat Politik wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert. Doch Typen wie Trump stellen den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess grundsätzlich in Frage. So bezweifelte Mick Mulvaney, der in der Regierung Trump für den Bundeshaushalt zuständig sein wird, ob die USA überhaupt noch Geld für Wissenschaft und Forschung ausgeben sollten, nur weil sich ein paar Aussagen von Forschern während der Zika-Epidemie widersprochen hatten. Und er ist nicht der einzige in Trumps Gefolgschaft, die den angeblich „gesunden Menschenverstand“, das dumpfe Bauchgefühl, über evidenzbasierte Informationen stellt.

           
    Die Pharmaindustrie kennt die Folgen solch irrationaler Denkweise. Oft genug wird sie mit dem Vorurteil konfrontiert, dass es in der Medikamentenentwicklung nicht auch um Therapien gehe, sondern allein um Profit. Gelernt hat sie daraus nicht, denn sie selbst nährt die Vorurteile, wenn sie wissenschaftliche Ergebnisse nur berücksichtigt, wenn sie ihr in den Kram passen. Wie anders kann man sich erklären, dass der Bund der Pharmazeutischen Industrie dem unabhängigen Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses Josef Hecken jüngst Vorwürfe machte, als dieser die Kostenübernahme für die Homöopathie durch die Solidargemeinschaft in Frage stellte, da bislang keine Studie ihre Wirksamkeit belegen konnte?

              
    Evidenzbasiert zu handeln oder zumindest danach zu streben – das ist keine Frage der Lust oder Laune, des Glaubens und Nicht-Glaubens oder gar wähl- oder abwählbar. Es ist eine Grundbedingung für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Demokratien brauchen diese Methode für den Diskurs, um Meinungen von Fakten unterscheiden, abwägen und bewerten und möglichst realitätsnahe Entscheidungen fällen zu können. Das heißt nicht, dass die wissenschaftliche Methode immer die Wahrheit findet oder gar unfehlbar ist. Aber sie ist bereit, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Und sie ist die einzige Technik, um gerade in diesen unsicheren, von Fehlinformationen vollen Zeiten den Überblick zu behalten. Wir sollten sie verteidigen, statt sie für kurzfristige Vorteile zu verraten.

       

    Der Kommentar wurde an die Nachrichtenlage angepasst. Das Original erschien gedruckt in |transkript1-2/2017.

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