Mikrogen GmbH

Erwin Soutschek: Ein Ass auf dem Golfplatz
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Erwin Soutschek: Ein Ass auf dem Golfplatz

27.09.2012 - „Das ist ein Lottogewinn für einen Golfspieler“, ordnet Erwin Soutschek sein im Mai diesen Jahres geschlagenes Ass richtig ein. „Bei unserem 700 Mitglieder starken Golfclub passiert solch ein Hole-in-one einmal im Jahr. Da freut man sich, dass man das mal hingekriegt hat.“ Trotz aller Begeisterung weiß er natürlich, dass das letzten Endes reines Glück war.

Der Aufstieg seiner Firma Mikrogen war hingegen weit weniger von Glück abhängig. Seit nunmehr 24 Jahren wächst die Firma. „Organisch“, wie Soutschek betont. Geboren 1955 in Regensburg, aufgewachsen zwischen Starnberger und Tegernsee, zieht es Soutschek Mitte der Siebziger Jahre zum Studium nach München. Nach der Promotion arbeitet er als Postdoc gemeinsam mit Unternehmen wie Biotest, Boehringer und den Behringwerken an der Entwicklung diagnostischer Testsysteme auf Basis rekombinanter Antigene: „Das war damals richtig neu.“ Der Schritt zur Firmengründung 1989 war nur folgerichtig. Allerdings gestaltete sich der Anfang zäh. Die Gründungsidee war ein HIV-Test, der die Ergebnisse von Screening-Tests bestätigen sollte. Die Zulassungshürden erwiesen sich jedoch als zu hoch für das junge Unternehmen. Auch die Patentlage war ungünstig. Doch die Aufbruchstimmung hielt sich. „Wenn es nichts wird, dann muss man halt wieder an die Uni zurück“, lautete damals Soutscheks Plan B. Dass es dazu nicht kam, lag vor allem an einem Produkt. Es sorgte bereits 1992 für schwarze Zahlen im Geschäftsbericht und blieb über die Jahre hinweg der Bestseller der Firma – trotz zahlreicher („zeitweise mehr als 30“) Konkurrenten. Es ist ein Bestätigungstest für die meist durch das Bakterium Borrelia burgdorferi übertragene Lyme-Krankheit.

„Borrelien werden gerade auch für Golfspieler eine Bedrohung, wenn sich diese im Wald oder in der hohen Wiese auf die Pirsch nach dem verlorengegangenen Ball machen“, weiß Soutschek um die Gefahren seines Sports. Mitte der 80er Jahre wurde intensiv an dieser Krankheit geforscht. Da die verfügbaren Tests nicht auf spezifischen Antigenen, sondern nur auf Lysaten beruhten, war das Mikrogen-Produkt sofort ein Erfolg. Auf viele Patente gestützt, konnte die Position des Tests über die Jahre ausgebaut werden. Derzeit erzielt er mehrere Millionen Euro Umsatz. 

Mit mehr als zwanzig Jahren Verspätung folgte 2011 endlich der HIV-Test. Möglich machte dies das Auslaufen der Patente und die längst erworbene Fähigkeit, Zulassungen auch für stark regulierte Waren wie in vitro-Tests von Blutprodukten zu erlangen. Der Mikrogen-Chef ist stolz und verärgert zugleich: „Einerseits haben wir mit dem Test in Deutschland bereits Wettbewerber verdrängt. Andererseits ließen wir einen wichtigen Markt aufgrund einer Fehleinschätzung viel zu lange unbeachtet.“ Er denkt dabei an Regierungsausschreibungen. Mikrogen hätte eigentlich schon viel früher zu einem Bestätigungsdiagnostik-Komplettanbieter aufsteigen und somit dort mitbieten können. 

Ein Ärgernis ganz anderer Art befindet sich in der Nähe von Mikrogens Standort in Neuried: „Wenn Roche winkt, da wird schnell einmal jemand schwach.“ Die fachkundigen Mitarbeiter nehme man dort mit Kusshand. Wenn der Bayer dann ergänzt, dass seine Firma die ganzen 24 Jahre noch nie jemanden entlassen hat, merkt man ihm die Enttäuschung an. Jetzt sei die Fluktuationsphase aber überstanden und Mikrogen rüste sich für die Zukunft: „Es macht Spaß zu sehen, wie neue Ideen aufgehen.“ Lab-on-a-Chip für Multiparameteranalysen, ausgeklügelte Schwangerschaftstests und – ein Projekt mit der Protagen AG aus Dortmund – Autoimmunsignaturen von Borreliose-Kranken. „Wenn mir einmal die Energie ein Stück weit ausgehen sollte, dann wegen der überhandnehmenden Fixierung auf den Preis“, grantelt Soutschek. Mittlerweile seien seine Kunden zum Teil Wagniskapitalgesellschaften. Die drückten den Preis so stark, dass man sich ständig um die Profitabilität der Firma sorgt. Zum Glück kennt Soutschek ein Gegenmittel: Golf. „Da geht man wirklich fünf Stunden auf die grüne Wiese und konzentriert sich nur auf den kleinen Ball.“

Nach Biologie-Studium und -Diplom an der Ludwig-Maximilians-Universität promovierte Soutschek 1986 an der Technischen Universität in München. Das Thema der Dissertation, die Expression rekombinanter DNA in Bakterien, ließ ihn auch während seiner Postdoc-Zeit am Max von Pettenkofer-Institut nicht los und mündete schließlich in der Gründung der Mikrogen GmbH. Gemeinsam mit Manfred Motz baute Soutschek als Geschäftsführer die Firma zu einem Unternehmen mit mehr als 130 Mitarbeitern aus. Motz muss seit zwei Jahren gesundheitsbedingt kürzertreten. Soutschek sucht daher einen neuen Kompagnon im Geiste. Das gestaltet sich aber schwierig: „Es gibt nicht so viele Unternehmerpersönlichkeiten, mit denen man gern zusammenarbeiten möchte.“ Soutschek ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

http://www.transkript.de/menschen/mensch-und-unternehmen/erwin-soutschek-mikrogen-gmbh.html

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23.12.2015 Über mangelnde Anerkennung kann sich die Nanolive AG in Lausanne wahrlich nicht beschweren: Die Schweizer haben seit ihrer Gründung vor etwas mehr als zwei Jahren jede Menge Urkunden und Pokale abgeräumt.

Nanolive

Der jüngste Zugang: Anfang Dezember wurde Nanolives "3D Cell Explorer" vom US-Wissenschaftsblatt The Scientist als eine der Top 10-Innovationen des Jahres geadelt. "Unser Mikroskop erlaubt zum allerersten Mal, das Innenleben einer lebenden Zelle zerstörungsfrei und in 3D zu visualisieren - und das innerhalb von weniger als einer Sekunde", fasst einer der fünf Gründer und jetzige Geschäftsführer Yann Cotte Nanolives Erfindung knapp zusammen. Ein eher im Hintergrund aktiver Gründer ist Christian Depeursinge, ein mittlerweile pensionierter Professor der EPF Lausanne und einer der Ideengeber der holographischen Mikroskopie. In seiner Gruppe fertigten Yann und der mittlerweile zum Assistenz-Professor in Istanbul berufene Mitgründer Fatih Toy ihre Doktorarbeiten an. Holographische Mikroskope basieren auf der Auswertung der Phasenverschiebung eines zweigeteilten Laserstrahls, von dem der eine Teil vom Objekt gestreut wird. Allerdings hakte es bei diesen Systemen bisher noch bei der Auflösung. "Wir wollten diese auf das Niveau der hoch auflösenden Fluoreszenzmikroskopie bringen", erzählt Yann. Der Kniff: Der Laser wird geneigt und von der Seite auf die Probe geworfen. Außerdem wird er rund um die Probe gedreht, was zum einen futuristisch anmutet, zum anderen die Auflösung in alle Richtungen verbessert. Nach der Rekonstruktion am Computer standen unter Optimalbedingungen am Ende 70 nm unter dem Strich - deutlich besser als die 300 nm bei konventioneller Bildgebung von lebenden Zellen. Die derzeit in Lausanne zusammengeschraubten Geräte schaffen immerhin 200 nm Auflösung. Wenn in den nächsten Wochen die Auftragsfertigung anläuft, sollen bald 100 nm drin sein, verspricht der Lockenkopf.

Für die Gründung von Nanolive gibt es übrigens ein Initialmoment: "Als Physiker hatte ich ja zunächst nichts mit Zellen zu tun. Ich war einfach nur stolz auf das Ergebnis meiner Doktorarbeit", so der 33-Jährige. Der alles verändernde Anstoß kam von einem der Gutachter der Fachpublikation: "Habt ihr damit statt Löcher auf einer Platte schon einmal Zellen abgebildet?" Das Team machte daraufhin ein paar beeindruckende 3D-Rekonstruktionen von Neuronen samt deren Feinstruktur und Zellorganellen, die prompt um die Welt gingen. "Ich habe die Aufregung im ersten Moment gar nicht verstanden", kokettiert Yann. Die Kombination aus Markerunabhängigkeit, hoher Auflösung, Zeitrafferoption und 3D-Veranschaulichung ist in der Art einmalig, was übrigens auch die Geldgeber so sehen. Nanolive ist privat finanziert und hat inzwischen 2,7 Mio. CHF eingesammelt. Die 40 "handverlesenen" Investoren sind laut Yann auf fast alle Kontinente verteilt. "Unsere Investoren sind richtige Fans unserer Technologie. Mehrheitlich sind sie keine klassischen Business Angels, sondern Erstinvestoren, die oftmals über das erstklassige Netzwerk der EPFL auf uns aufmerksam geworden sind", lobt der Geschäftsführer und zieht in Sachen Gründerfreundlichkeit einen interessanten Vergleich: "Lausanne ist das Berlin der Schweiz!"

Neben Christian, Fatih und Yann gehören Sébastien Equis und Andreas Kern zu den Gründern. "Beide kannte ich seit vielen Jahren und beide brannten für das Projekt Nanolive", erinnert sich der gebürtige Bayer Yann. Einige Gründer - Nanolive wird derzeit in erster Linie von Yann und Sébastien vorangetrieben - und Mitarbeiter sind inzwischen nicht mehr mit dabei. Der CEO ist sich sicher, dass aus gutem Grund Firmengründer meistens etwas jünger sind: "Man muss seinem Baby viel Zeit widmen. Diese Vereinbarkeit ist nicht immer bei jedem für immer oder zumindest für eine längere Zeit gegeben." Von den Gründern habe aber heute jeder seine Rolle gefunden, wie er am besten zum Wohl der auf 12 Köpfe gewachsenen Nanolive beitragen kann. Das aktuelle Team könne den schnellen Takt jedenfalls mitgehen, ist sich Yann sicher: "Die Arbeit für ein Start-up ist für viele ja auch eine Art Beschleuniger für die Selbstfindung: Was will ich eigentlich in meinem Leben machen?"

Auf dem Foto: Drei der fünf Gründer von Nanolive am Genfer See (v. l.): Dipl.-Physiker Dr. Andreas Kern, Dipl.-Physiker Dr. Yann Cotte und Dr. Sébastien Equis (MS in Optik)

m.laqua@biocom.de

12.11.2015 "Cytena ist definitiv nicht die klassische Gründungsgeschichte", hebt Geschäftsführer Jonas Schöndube erst einmal hervor. Auf den ersten Blick ist man geneigt, ihm zu widersprechen:

Cytena

Cytena basiert auf Vorarbeiten eines EU-geförderten Forschungsprojekts, ist eine Ausgründung der Universität Freiburg, erhält zunächst Geld über das BMWi-Programm EXIST-Forschungstransfer und gewinnt später Investoren, die gleich einmal 1,1 Mio. Euro lockermachen. Soweit, so erfolgreich. Aber wie hebt Cytena sich jetzt von der "klassischen Gründung" ab? Der zuletzt zum Team gestoßene der vier Gründer, Wirtschaftswissenschaftler Benjamin Steimle, klärt auf: "Naja, wie man sieht, sind drei von uns etwa 30 Jahre alt - nur Peter ist dann doch etwas älter." - "Obwohl er sich gut gehalten hat!" schiebt André Groß nach, der dritte der jungen Fraktion. Der mit dem etwas widersprüchlichen, aber lieb gemeinten Lob Bedachte ist Peter Koltay. Der erfahrene Wissenschaftler arbeitet am Institut für Mikrosystemtechnik (IMTEK) der Universität Freiburg und brachte mit seiner Idee, ein System zur Vereinzelung von Zellen zu entwickeln, das Ganze erst ins Rollen. Nach der Bewilligung des von ihm eingereichten EU-Projekts holte er sich 2010 Jonas und André als Doktoranden ans Institut. Für die zwei hat er gleich ein echtes Lob parat: "Sie haben der Idee letztendlich zusammen mit den Projektpartnern Leben eingehaucht."

Das über die Jahre entwickelte Produkt von Cytena ist ein Laborgerät, das Zellen in Suspension schnell und schonend vereinzeln kann. Einzelzellen werden bei der Entwicklung von Biologika sowie bei der genetischen Analyse von Zellen in der Krebs- und Stammzellforschung benötigt. Bislang werden sie von Hand isoliert oder über Verdünnungsreihen gewonnen. "Diese Alternativen sind zu langsam, stressen die Zellen oder können nicht garantieren, dass in jedem Gefäß auch wirklich eine einzige Zelle landet", skizziert Jonas die Ausgangslage. Der Einzelzelldrucker tropft - beziehungsweise druckt - die Flüssigkeit samt Zelle in das Zielgefäß. Ein System aus Mikroskop und Software garantiert, dass dabei Tropfen ohne Zelle oder mit zwei oder mehr Zellen aussortiert werden. Erste Prototypen kamen bereits 2011 innerhalb des EU-Projekts zum Einsatz. "Das Gefühl nach der Auslieferung des ersten Geräts war unbeschreiblich", erzählt André. "Erst da war uns das Potential der Technologie so richtig klar. Es gibt tatsächlich genügend Kunden, die uns das Gerät förmlich aus den Händen reißen."

Doch zurück zur Gründungsgeschichte: "Ehrlich gesagt, fällt Peter nicht in erster Linie wegen seines Alters aus dem Rahmen", bringt es Ben auf den Punkt. Peter ist akademischer Oberrat - und er ist bereits erfolgreicher Gründer: Seine 2005 gegründete Biofluidix GmbH steuerte bei der Gründung von Cytena im Sommer 2014 einen Teil des Stammkapitals und einiges an Know-how bei. "Klar hatten wir zuerst die Idee, die Kommerzialisierung unseres Einzelzelldruckers innerhalb von Biofluidix voranzutreiben", erinnert sich Peter. "Doch wir haben schnell erkannt, dass dafür die vorhandenen Ressourcen nicht ausreichen - und wir Wagniskapital brauchen." Jonas pflichtet ihm bei: "Bei der Investorenansprache ist es besser, ein klar verständliches Produkt für einen klar abgegrenzten Markt zu haben." Das wäre für Biofluidix nicht so einfach zu machen gewesen. "Ich bin daher froh, dass Jonas und André die Ausgründungsidee gut fanden. Hätten sie keine Lust gehabt, dann wäre das Projekt wohl im Sande verlaufen", vergegenwärtigt sich Peter - der übrigens als einziger der vier Gründer nicht zu den mittlerweile sieben Angestellten Cytenas gehört - die Situation damals.

Ein Glücksfall, dass es anders gekommen ist. "Cytena entwickelt sich viel besser, als wir alle zu hoffen gewagt haben", zeigt sich Peter begeistert. "Risikokapital zu finden war zwar nervenaufreibend, aber nicht ganz so schwierig, wie ich es mir ausgemalt hatte." Jonas nimmt gar das G-Wort in den Mund: "Bei der Firmenentwicklung liegen wir vor dem Plan und die Stimmung im Team könnte nicht besser sein. Man spürt ihn tatsächlich, den vielzitierten Gründergeist."

Auf dem Foto: Wiederholungsgründer Dr. Peter Koltay (Dipl.-Phys.) lässt auch bei den Fotoaufnahmen die Hemdsärmel hochgekrempelt. Was aber nicht bedeutet, dass André Gross (Dipl.-Ing.), Benjamin Steimle (Dipl.-Vw.) und Jonas Schöndube (M.Sc.) weniger tatkräftig beim Aufbau von Cytena sind.

m.laqua[at]biocom.de

14.10.2015 "Wir wollen einen neuen Standard für die Zellanalyse etablieren." Diese Ansage strotzt vor Überzeugung. Anderswo wurde David Wehner gar mit dem Plan zitiert, "die Mikroskopie überflüssig zu machen".

Venneos GmbH

Doch der Venneos-Mitgründer stellt klar: "Das wäre eine vermessene Aussage, aber es gibt auf jeden Fall Anwendungs-bereiche, in denen wir besser sind." Das mag auch der Grund sein, warum Wagniskapitalgeber die Venneos GmbH kürzlich mit einer Startfinanzierung in Höhe von 1 Mio. Euro weich gebettet haben. Vom High-Tech Gründerfonds vernahm man sogar das Buzzword "disruptive Technologie". Venneos entwickelt ein Siliziumchip-basiertes Imaging-System für die Analyse von Zellen. Die Geschäftsidee ist spannend, intuitiv ist sie indes nicht. Jonas Lehman, ein weiterer der vier Gründer, plaudert aus dem Nähkästchen: "Siliziumchips werden gemeinhin mit Computern verknüpft und da passen Zellen irgendwie nicht ins Bild. Wenn wir erzählen, dass wir Siliziumchips nehmen und ein paar Zellen draufwerfen, dann halten uns die Leute zuerst für etwas wirr. Oft werden wir auch in die Cyborg-Ecke gestellt."

Vereinfacht gesagt, detektiert Venneos' System die natürlich auftretenden elektrischen Signale, die durch das Anhaften der Zelle auf dem Chip entstehen. Wegen der geringen Größe der einzelnen Messsensoren können einzelne Zellen detektiert werden und die elektrischen Signale als Mikroskopie-ähnliche Bilder dargestellt werden. Als Vorteil gegenüber klassischen Bildgebungsverfahren gilt, dass auch kleinste Regungen der Zellen erkannt werden, die mit anderen Technologien unsichtbar bleiben. Außerdem ist das System automatisierbar und für Echtzeitmonitorings geeignet. Somit werden Experimente objektiver, reproduzierbarer und verlässlicher, glaubt man bei Venneos. "Zell-Zell-Kommunikation, Migration, Vitalität, Adhäsionsverhalten – für uns gilt es jetzt, aus der Fülle der Anwendungsmöglichkeiten einen Assay auszuwählen, mit dem wir in den Markt gehen und die Technologie bekanntmachen", erläutert David. Jonas ergänzt, dass es in der Life-Sciences-Szene Hemmschwellen beim Thema Elektrotechnik abzubauen gilt und verrät, dass "das erste Gerät kompakt sein und einen klar umrissenen Aufgabenbereich haben wird".

Die Grundlagen von Venneos' Geschäftsidee gehen bis ins Jahr 1985 zurück, als Peter Fromherz seine Forschung an Halbleiterelementen und Nervenzellen aufnahm. "In seiner Gruppe am Münchener Max-Planck-Institut (MPI) für Biochemie gab es schon lange die Idee einer Ausgründung," erzählt David. Aufgrund meist persönlicher Gründe wie dem "Unwillen der Freundin" blieben die Pläne in der Schublade - bis Postdoc Ralf Zeitler kurz vor der Emeritierung Fromherz' das Heft an sich riss. "Einer der ersten Mitgründer, Tu Hoang, kam aus der Chip-Industrie und war auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit - ein Sechser im Lotto für das Team." David selbst wurde über den Talentpool des UnternehmerTUM-Netzwerks in München akquiriert. "Ich habe dann wiederum Jonas dazugeholt, den ich vom Studium kannte", so der Kopf des Spin-offs. Alle vier Gründer treiben das Projekt gemeinsam voran, für die Außendarstellung sind Jonas und David jedoch maßgeblich zuständig. Flüchtig betrachtet scheint die Gründung von Venneos mit Hilfe des EXIST-Forschungstransfer-Programms nichts Besonderes zu sein. Doch es gab damals ein großes Problem: "Wir hatten zwar Geld. Durch die Emeritierung von Professor Fromherz brauchten wir aber eine neue Bleibe", blickt David zurück. Die Rettung kam vom MPI für Intelligente Systeme in Stuttgart. Hier kam das Team bis zur Gründung der GmbH 2014 unter. Dann folgte der Umzug in die Räume der Technologie-Transfer-Initiative GmbH an der Universität Stuttgart, wo sie noch immer sind. Da sich der Erfolg des Teams auch in einer respektablen, bei Businessplan-Wettbewerben gewonnenen Preisgeldsumme niederschlägt, schmückt seit Kurzem auch ein Kicker das Büro. "Wir sind aktuell auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. Da zählt jedes Argument", lautet der trockene Kommentar von Jonas. Falls der Kickertisch wider Erwarten nicht ziehen sollte, dann vielleicht der Köder, den David daraufhin auswirft: "Unsere Technologie ist nicht nur im Bereich der Zellbiologie einsetzbar. Wir haben mit ihr noch ganz andere spannende Sachen vor. Aber das verrate ich erst beim nächsten Interview!"

Auf dem Foto v.l. die Gründer der Venneos GmbH: Jonas Lehmann (Dipl.-Physiker), Dr. Tu Hoang (Dipl.-Ingenieur), David Wehner (Dipl.-Kaufmann), Dr. Ralf Zeitler (Dipl.-Physiker).

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09.09.2015 Oft hat ein gutes Projekt viele geistige Väter. Beim österreichischen Start-up DirectSens, das Schnelltests zur Bestimmung verschiedener Kohlenhydrate entwickelt, sind es genau fünf.

DirektSens

„Nur war leider nicht genügend Geld da, um auch alle fünf Gründer sofort in der Firma anstellen zu können“, skizziert Christoph Sygmund die Lage. Sygmund hat als Geschäftsführer als einziger eine Vollzeitstelle, Mitgründer und Finanzhirn Roman Kittl immerhin eine halbe. Die wenigen vorhandenen Mittel wurden für die Beschäftigung von Fachleuten verwendet – momentan vier Angestellte. „Wenn alles nach Plan läuft, dann kommt von den Gründern  Anfang 2016 noch Alfons dazu“, so Sygmund. Alfons Felice, der derzeit noch an seiner Doktorarbeit schreibt, ist sich sicher, dass der Fokus auf externes Know-how richtig war: „So wollten wir die Expertise, die uns zunächst gefehlt hat, ins Start-up holen.“ Sygmund ergänzt: „Wir fünf haben alle Biotechnologie studiert und somit den gleichen wissenschaftlichen Hintergrund.“

Sygmund, Kittl, Felice und die beiden anderen Gründer Roland Ludwig und Wolfgang Harreither haben sich an der Wiener Universität für Bodenkultur, kurz BOKU, kennengelernt. Die technologische Grundlage für die Biosensoren von DirectSens schuf Ludwig. Er erkannte das Potential der Zellobiose Dehydrogenasen (CDH). Mit deren Hilfe verwerten Pilze in der Natur organisches Material. Ludwig sicherte sich das Patent für die Nutzung in einem Milliardenmarkt: Diabetes. Ein mit einem solchen Enyzm bestückter Sensor soll sich gegen andere Methoden der kontinuierlichen Blutzuckerspiegelmessung durchsetzen. Der DirectSens-Sensor registriert dabei die bei der CDH-Reaktion mit Glukose übertragenen Elektronen direkt. Bei anderen enzymbasierten Tests ist hingegen ein Zwischenmolekül nötig, was auf Kosten der Genauigkeit geht.

„Am Anfang war Roland noch stärker in der Firma engagiert“, sagt Felice. „Mittlerweile ist er jedoch froh, sich wieder mehr um seine Gruppe an der Universität kümmern zu können.“ Auch Wolfgang Harreither hat sich vor allem in der Anfangszeit eingebracht. Er hat aufgezeigt, dass ähnliche Sensoren auch bei anderen Anwendungen kommerziell erfolgreich sein könnten. Sygmund erinnert sich: „Wolfgang war auch der erste, der die Idee in Form eines Businessplans bei einem Gründerwettbewerb vorgestellt hat.“ Anfang 2013 begann die heiße Phase der Firmengründung. Damals drückten besonders Sygmund und Kittl, die „nicht ewig an der Uni rumforschen“ wollten, aufs Gas. „Bei der Entscheidung, allen fünf Gründern je 20% der GmbH zuzusprechen, spielten die Leistungen, die zuvor eingebracht wurden, eine große Rolle. Aber wir haben auch die zukünftig zu leistenden Arbeitspakete berücksichtigt“, erklärt Sygmund. Klar half es bei diesem kniffligen Prozess, dass die fünf nach eigener Aussage schon damals gute Freunde waren. Dass die Gründer rund um die Geburt der Firma unterschiedliche und wechselnde Aufgaben übernommen haben, ist für Felice ein Indiz für die Stärke der Mannschaft: „Unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation einer Person konnte so das Projekt stetig vorangetrieben werden.“ Auch wenn erst zwei – und wenn die nächste große Finanzierung gelingt bald drei – Mann in der Firma aktiv sind: Die wichtigen Entscheidungen werden immer noch von allen fünf gemeinsam getroffen.

Das am weitesten fortgeschrittene Produkt von DirectSens ist ein tragbares Messgerät mit integriertem Laktosesensor. Es kommt in einem Wachstumsmarkt zum Einsatz: bei der Herstellung von laktosefreier Milch. Das Gerät ist schneller als derzeit eingesetzte Methoden und verspricht daher den begeisterten Molkereien bares Geld. Die Verhandlungen mit Vertriebspartnern laufen und Sygmund ist zuversichtlich, „ab Anfang 2016 eigene Umsätze vorweisen“ zu können. Während der Laktosetest in Eigenregie vermarktet wird, soll beim Blutzuckertest ein Partner unter die Arme greifen, der sich mit der Zertifizierung von Medizinprodukten auskennt. Sygmund: „Unser Fokus bleibt klar auf der Biosensorkomponente, die dann in ein bestehendes System eines Partners integriert werden kann.“

Eigentlich läuft es für DirectSens gerade richtig gut. Doch auf die Frage, ob er manchmal auch zweifeln würde, prustet Sygmund lachend heraus: „Manchmal zweifeln? Es ist eher so, dass ich ab und zu mal nicht zweifle!“

Auf dem Foto v. l. Alfons Felice, Dr. Roland Ludwig, Dr. Roman Kittl, Dr. Christoph Sygmund und Dr. Wolfgang Harreither (alle Dipl.-Ing.).

m.laqua[at]biocom.de

05.08.2015 Diego Gabriel Dupouy sprüht vor Begeisterung: "Wir alle sind geborene Macher, die gern Sachen anschieben. Bei Routinearbeiten langweilen wir uns schnell." Im Team von Lunaphore Technologies SA kümmert sich der gebürtige Argentinier um Forschung und Produktentwicklung.

Lunaphore Technologies@Venture Kick

Dupouy (links im Bild) war es auch, der die Gründung des Start-ups forcierte. Die dafür zwingend nötige, zündende Geschäftsidee hatte Ata Tuna Ciftlik geliefert, sein türkischer Arbeitskollege am EPFL Lausanne. „Als Doktorand habe ich erforscht, wie Immunfärbungen von Geweben mit Mikrofluidik-Technologien verbessert werden können“, erzählt der 31-jährige Ciftlik. Das Ergebnis nach fünf Jahren Arbeit waren ein Patent, eine Reihe hochrangiger Veröffentlichungen – und die Idee für eine eigene Firma. „Wir färben Gewebe auf Objektträgern an“, beginnt Dupouy. „In unseren Hochdruckkammern dauert das fünf Minuten – statt wie jetzt üblich mehrere Stunden.“ Außerdem werde weniger Reagenz benötigt und, das liegt Ciftlik am Herzen, das Fluoreszenzsignal sei linear proportional zur Antigen-Expression: „Bei der herkömmlichen Methode wird ziemlich schnell eine Sättigung erreicht. Die Signalstärke ist weitestgehend unabhängig von der Zahl der Antigenepitope auf der Oberfläche der Probe.“ Bei einem Test mit Geweben von 76 Brustkrebspatientinnen lieferte die neue Färbetechnik auf Anhieb 74 aussagekräftige Ergebnisse. Die Standardmethode schaffte nur 49. Lunaphores Kammern sind also nicht nur schneller, sondern könnten weitere Einsparpotentiale durch den Wegfall von bisher notwendigen Zweittests schaffen. Mit dieser Geschäftsidee im Rücken räumte das Team jede Menge Preise ab. Insgesamt eine halbe Million Franken sind so zusammengekommen. Für die Entstehung von Lunaphore waren die ersten 100.000 Franken einer Innogrant-Förderung wegweisend: „Von dem Geld haben wir eine Praktikumsstelle finanziert – und mit Déborah einen echten Volltreffer gelandet“, sagt Ciftlik. Déborah Heintze hat als einzige im Team Schweizer Wurzeln. Die drei (Dupouy) und fünf (Ciftlik) Jahre älteren Mitstreiter überzeugte sie mit ihrem Arbeitsethos und ihrer Detailversessenheit. „Nach zwei von drei Praktikumsmonaten haben mich die beiden gefragt, ob ich bei der Gründung mit dabeisein möchte“, erinnert sich Heintze. Klar sagt sie zu, denn auch die beiden Herren wissen zu überzeugen: „Ata Tuna weiß alles! Noch dazu hört er bei einem Problem auf die Einwände der anderen und findet dann die bestmögliche Lösung. Diego wiederum hat ein feines Gespür für Fairness und entschärft Spannungen im Team, noch bevor sie offen zutage treten.“ Obwohl Heintze mit 26 Jahren die Jüngste und vom wissenschaftlichen Werdegang her die Unerfahrenste ist, fühlt sie sich ernstgenommen: „Ich agiere auf Augenhöhe mit den beiden. Das schätze ich sehr.“

Mittlerweile zieht die Belegschaft jeden Mittwoch zu sechst zum gemeinsamen „Lunalunch“. Bald soll die Truppe auf zehn anwachsen. Und worauf achtet Ciftlik bei Bewerbern? Nicht unbedingt auf deren Fertigkeiten, denn die können erlernt werden: „Für uns ist es wichtiger, dass die Leute ins Team passen und fest an den Erfolg von Lunaphore glauben.“ 

Das Geld für die Expansion stammt von einer im April geglückten Serie A-Finanzierung über 2 Mio. Franken. „Am schwierigsten ist es, den ersten Investor zu finden. Weitere Geldgeber finden sich dann einfacher“, glaubt Ciftlik. Auf jeden Fall müsse man Ruhe bewahren, denn auch wenn bei der Wagniskapitalsuche alles richtig angepackt wird, „ist man nicht sofort erfolgreich“. Mal stimmt das Timing nicht, mal hat der Investor einen anderen thematischen Fokus, mal reicht das Budget nicht. Wenn die Präsentation knackig und der Businessplan überzeugend sind, dann „wird man irgendwann ein Dreimonatsfenster eines thematisch passenden Fonds erwischen“.

Nach der Finanzierung muss Lunaphore nun liefern. „Wir haben funktionierende Prototypen. Innerhalb von zwei Jahren soll das technische Design der Kammer fertig sein, damit die Studien für die CE-Kennzeichnung beginnen können“, erläutert der Chef. In fünf Jahren soll die Firma verkauft werden. Und dann? Energiebündel Dupouy als Manager? Das tut er sich bestimmt nicht an: „Wenn eine Aufgabe zur Routine wird, dann bekomme ich Depressionen.“ Wahrscheinlich werden die drei wieder gründen. Vielleicht zusammen, vielleicht einzeln. Bereits nach seiner ersten Firmengründung ist sich Ciftlik sicher: „Genau das ist, was ich mag und kann!“ Man ist geneigt, ihm zuzustimmen – so, wie Lunaphore gerade durchstartet.

24.06.2015 Bei vier jungen Gründern ist die Angst des Redakteurs groß, dass es in der Telefonkonferenz drunter und drüber geht – gerade wenn das Gespräch aus Mangel an Alternativen für einen Sonntagmorgen angesetzt ist. Doch weit gefehlt! Diszipliniert und hellwach beantwortet jeder nur die Fragen, die in seinen Aufgabenbereich fallen.

Fotostudio Rheinland

„Uns eint, dass wir gemeinsam ein großes Ziel erreichen wollen“, erklärt Jens Bayer, seines Zeichens CEO, fast staatstragend: „Wir gehen von vornherein in jede Situation mit einem hohen Maß an Kompromissfähigkeit.“ Bevor es überhaupt um das Produkt von Aquila Biolabs geht, skizziert der Netzwerker der Firma, Daniel Grünes, schon einmal die Vision der Truppe. Es fallen Begriffe wie Berlin, Start-up-Kultur und Rocket Internet. „Bislang sind neu gegründete Biotech-Firmen meistens Ausgründungen von Konzernen oder Instituten. Zwar finden sich auch dort tolle Ideen, wir streben aber zusätzlich noch eine coole Unternehmenskultur an, die langfristig für junge und hochtalentierte Menschen reizvoll ist!“ klärt Grünes auf.

Die 27-Jährigen, neben Bayer und Grünes gehören noch die Bastler und Denker David Frank und Konrad Herzog zum Gründerteam, finden die Arbeit in einer kleinen Einheit so inspirierend, dass sie am liebsten „innerhalb der Firma mit drei bis fünf anderen Teams von High-Potentials“ zusammenarbeiten würden. Von der Idee bis zum Machbarkeitsbeweis ließe sich ein Projekt sowieso am besten in einer Start-up-Umgebung vorantreiben, ist sich Bayer sicher. Ideen für neue Produkte gibt es zuhauf. Als Frank und Herzog vor zwei Jahren während ihrer Masterarbeit beschlossen, nicht in Richtung Promotion zu gehen, stellten sie eine Liste mit Lösungsansätzen für immer wieder im Labor auftretende Probleme auf. „Wir wollten selbst etwas auf die Beine stellen“, erinnert sich Frank. Darunter fand sich auch die Idee für ein automatisiertes System zur Messung der Konzentration heranwachsender Mikroorganismen in Schüttelkolben. Da die Tüftelei parallel zum Studium möglich war, konzentrierten sich die Gründer in spe auf dieses Projekt und holten den Ex-Kommilitonen Bayer an Bord. Der brachte von seinem Masterstudium „Bioentrepreneurship“ in Stockholm wiederum Grünes mit. Der Rest ist schnell erzählt: Das Team sicherte sich ein Exist-Gründerstipendium der Bundesregierung, gründete Mitte 2014 eine GmbH, sammelte bei Businessplanwettbewerben Preise, Geld und Visitenkarten ein – und feilte am ersten Produkt, das die Macher des schwedischen Human Protein Atlas Project nach einer dreiwöchigen Pilotstudie „gar nicht mehr hergeben wollten“. 

Der Zellwachstumsquantifizierer (cell growth quantifier, CGQ) wurde anfangs klassisch auf dem Dachboden entwickelt – mit einem Marmeladenglas als Kolbenersatz. Laut Webseite handelt es sich dabei um ein „zelldichtebasiertes, nichtinvasives System zur automatisierten und umfassenden Echtzeitkontrolle, Analyse, Regelung und Planung von Schüttelkolbenfermentationen“. Etwas weniger abstrakt erklärt es Frank: „Es ist eine Sensorplatte, die unter den Glaskolben geklemmt wird und die optische Dichte des Inhalts durch den Boden misst.“ Sein Erfinder-Sozius Herzog ergänzt: „Damit wir auch niedrige Konzentrationen zuverlässig messen können, muss dem Schüttelkolben und der Platte noch ein schwarzer Kunststoffmantel übergestülpt werden.“

Das entwicklerische Know-how eigneten sich die beiden eigenständig an, um das vorhandene Finanz- und Zeit-Budget effizient zu nutzen. Während etliche Prototypen bei Pharmakonzernen und wissenschaftlichen Arbeitsgruppen in vier Ländern für zufriedene Gesichter sorgen, sind Frank und Herzog längst am nächsten Projekt dran: „Demnächst werden wir auch Fütterungssysteme für Schüttelkolben anbieten.“ Übrigens sucht das Start-up immer noch Betatester. Herzog: „Wer Interesse hat, der soll sich einfach bei uns melden!“

Damit die Vision von Aquila Biolabs als einer Start-up-Schmiede wahr wird, steht erst einmal die erfolgreiche Kommerzialisierung des ersten Produkts an. Grünes gibt die Marschrichtung vor: „Unser Ziel ist es, den CGQ als Standardtechnologie für die Überwachung von Schüttelkolben zu etablieren und ihn global möglichst vielen Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen. Wenn das geschafft ist, gehen wir neue Sachen an.“ 

Für den Erfolg stecken alle im Privatleben zurück. Gerade in den vergangenen Wochen liege die viel bemühte Work-Life-Balance zu 95% bei Aquila Biolabs. Wobei: „Freizeit? Arbeit und Hobby sind bei Gründern sowieso eins!“ stellt Herzog klar. Und wenn doch mal nichts zu tun ist, dann zieht es die Jungs für ein Bier zum Aachener Gründerstammtisch – was für ungeübte Ohren jetzt auch nicht unbedingt nach Freizeit klingt.

13.05.2015 Deutscher Unternehmerpreis, Science4Life Venture Cup, IDEE-Förderpreis und der Preis des Münchener Businessplanwettbewerbs – in der Gründungsphase wurde die Spherotec GmbH mit Würdigungen überhäuft: „Es hatte mit Krebs zu tun und es steckten zwei Unternehmerinnen dahinter“, versucht sich Barbara Mayer an einer Erklärung.

Spherotec GmbH

Mayer und Mitgründerin Ilona Funke malten 2006 "viele Luftschlösser in den Himmel". Ihre Erfindung versprach, sowohl die Behandlung von Krebspatienten als auch die Entwicklung von neuen Wirkstoffen zu verbessern. "Zuvor wurde die Wirksamkeit von therapeutischen Substanzen vor allem an 2D-Zellkulturen überprüft", erläutert Mayer. Mit Spherotecs Technologie konnten nun aber dreidimensionale Zellkügelchen, sogenannte Sphäroide, gezüchtet werden. Das versprach Testergebnisse, die deutlich näher an der klinischen Realität waren.

Krebsjoker hin, Frauenbonus her: "Alle Preisgelder zusammengenommen konnten wir damit immerhin zwei Jahre lang eine technische Angestellte bezahlen", erinnert sich Mayer. Auch dürfte der Wirbel den Weg zur ersten Finanzierungsrunde geebnet haben, die 2007 vom High-Tech Gründerfonds und Bayern Kapital getragen wurde. Damals wurde den zwei Frauen auch ihr augenzwinkernd als "Quotenmann" bezeichneter Finanzchef Stephan Wehselau zur Seite gestellt. Mayers Kommentar: "Eine Biologin und eine Medizinerin allein an der Spitze einer Portfoliofirma - das war den Investoren offenbar nicht ganz geheuer." Heute arbeiten bei Spherotec 11 Angestellte. 2015 werden es wohl mehr werden, denn Mayer will nach einer erfolgreichen ersten klinischen Studie nun mit einer aufwendigen Interventionsstudie zeigen: Wird bei Brustkrebspatienten das am besten geeignete Chemotherapeutikum mit Spherotecs Test ermittelt, bedeutet das einen Vorteil für die Patienten. Eine solche Studie ist Bedingung, damit der Test von den gesetzlichen Kassen erstattet wird. "Hier treibt uns der Leidensdruck der Patienten an", beschreibt Mayer die Lage. "An einem typischen Montagmorgen läutet bei uns 50 Mal das Telefon. Verzweifelte Krebspatienten, deren Freunde oder Bekannte fragen uns nach dem Test - darunter auch die 28-jährige zweifache Mutter mit einer sehr aggressiven Form von Brustkrebs. Wenn die dann fragt, wie sie sich die teure Diagnostik leisten soll, zwickt das Gewissen." Deshalb hat Spherotec kürzlich ein Wohltätigkeitsprogramm ins Leben gerufen, an dem sich jeder beteiligen und einen Test für bedürftige Krebskranke spenden kann. Während das Geschäft mit der Testung von klinischen Proben derzeit auf Selbstzahlerebene erfolgt, liefern Aufträge der Biotech- und Pharmaindustrie den Grundumsatz. Die Firmen ermitteln an den Sphäroiden das Wirkungsprofil ihrer Kandidaten.

Die zündende Idee, wie Sphäroide in Kultur gezüchtet werden können, ist deutlich älter als die Firma. Bereits 1999 hatte Mayer im Flugzeug eine Eingebung - dummerweise auf dem Weg aus dem wissenschaftlichen Exil in Kanada in die Weihnachtsferien in Deutschland. Familie und Freunde in München bekamen Mayer kaum zu Gesicht, da die ihre Idee tagelang in ihrem alten Labor überprüfte. Überhaupt: Der Freundeskreis darf nicht nachtragend sein, wenn zum Beispiel auch die fünfte Einladung zum Kochabend kurzfristig ausgeschlagen werden muss. "Zum Glück ist mein Umfeld extrem verständnisvoll", lobt Mayer lachend und schiebt gleich darauf "das größte Dankeschön an die bessere Hälfte" hinterher.

In der Folge verfeinerte Mayer ihre Technologie. Den Anstoß, diese auch zu kommerzialisieren, gab es drei Jahre später: Per Unirundbrief wurden Geschäftsideen gesucht, die in den Schubladen von Forschern ihrer Erweckung harrten. BWL-Studenten sollten damit lernen, Geschäftspläne zu entwickeln. "Dass aus diese Fingerübung einmal eine echte Firma wird ...", so richtig kann es Mayer auch heute noch nicht glauben. Damals standen den 45 Studenten übrigens neun Ideen zur Auswahl. Ganze 37 folgten Mayers Vision.

Barbara Mayers wissenschaftliche Karriere findet vor allem in München statt. Einzige Ausnahme: Nach dem Studium der Biologie, anschließender Promotion und einer kurzen Postdoc-Zeit an der LMU München geht die gebürtige Schwäbin 1998 mit einem Stipendium ans Sunnybrook Health Sciences Centre in Toronto, Kanada. Nach ihrer Rückkehr an die Isar im Jahr 2000 leitet die Biologin zunächst eine eigene Nachwuchsgruppe. Gemeinsam mit der Ärztin Ilona Funke gründet Mayer 2006 die Spherotec GmbH. In ihrer Freizeit greift die 51-Jährige zum Tennisschläger oder es zieht sie zum Wandern in die Berge.

08.04.2015 "So ein echter Selbstläufer, eine Art Cashcow, das fehlt uns noch“, räumt Arno Cordes ein. Er klingt dabei fast ein wenig verzagt. Dabei kann der Unternehmer auf nun fast 24 Jahre ASA Spezialenzyme GmbH zurückblicken.

ASA SPEZIALENZYME

Die Biotech-Konkurrenz in Deutschland hat er im Durchschnitt locker mehrfach überlebt. Klar, mit 16 Mitarbeitern und Jahresumsätzen von etwa einer Million Euro ist die Firma kein Schwergewicht. Doch Cordes hat sich mit der Herstellung von Enzymen und Bakterienkulturen erfolgreich seine Nische geschaffen.

Angefangen hat alles in der Waschküche seines Hauses: "Es geht nicht klischeehafter, es war aber so", gibt er schmunzelnd zu Protokoll. Bei der Gründung 1991 kann er preiswert auf die Ausstattung seines Ex-Brötchengebers Braunschweiger Biotechnologie GmbH zurückgreifen. Der Enzymexperte musste nach einem Verkauf an eine Schweizer Immobiliengruppe schließen. Deren Urteil: nicht innovativ genug. Cordes war zuletzt Geschäftsführer und musste den 30 Mitarbeitern kündigen. Als die Nachfrage nach den Enzymen in den folgenden Monaten aber nicht abebbte, entschloss er sich, auf eigene Faust weiterzumachen. "Auch die Bakterien- und Pilzstämme konnte ich einfach so mitnehmen", erinnert sich der Niedersachse. 1993 stellte er die ersten beiden Mitarbeiter ein. Zu den eigenentwickelten Enzymprodukten gehört zum Beispiel ein biologisches Entrostungsgel, welches vor allem in der Oldtimer-Szene gefragt ist. Neben der Enzymherstellung etablierte sich bald ein neuer Geschäftszweig: die Herstellung von Bakterienmischkulturen. "Als sich die Umsätze ab 1995 eine Zeit lang jährlich verdoppelten, wusste ich, dass es mit der Firma auch längerfristig klappen könnte", so der 59-Jährige. "In Deutschland gibt es neben uns meines Wissens nur noch eine Firma, die Bakterienkulturen in großen Mengen kommerziell herstellt", so Cordes. Das wichtigste Produkt gibt es in vielen Baumärkten zu kaufen: ein biologischer Reiniger für Gewässer. Unter der Marke des Aquarien-Spezialisten Dennerle geht die Bakterienkultur an den Endkunden, mit interessierten Kommunen spricht ASA Spezialenzyme direkt. Die in den Produkten enthaltenen Bakterien reduzieren Ammonium, Ammoniak, Nitrit und Nitrat im Gewässer und haben so bereits in etlichen deutschen Badeseen für eine gute Wasserqualität gesorgt. Die Methode gilt als deutlich schonender für das Ökosystem als das Ausbaggern des Sees, hält aber dafür nicht so lange vor.

Cordes lässt seine Firma langsam wachsen, Risikokapital sieht er kritisch: "Viele Gründer werden gedrängt, Geschäftspläne zu schreiben, die sie dann nicht umsetzen können. Als ich einmal mit Risikokapital geliebäugelt hatte, eröffneten mir ein paar sehr junge Männer, die von mir geschätzen Umsatzrenditen seien viel zu gering. Deren Vorschlag: 'Gestalten Sie doch die Zahlen etwas optimistischer!' Das konnte – und wollte – ich aber nicht." Ein paar Jahre später musste ASA nach einer Eigenbedarfskündigung nach neun Jahren in Braunschweig 2002 in den Nachbarort Wolfenbüttel ziehen, wo sich Cordes auch heute noch wohlfühlt. Wohl fühlt er sich auch zu Hause, wenn er am Klavier sitzt und komponiert. Gemeinsam mit seiner Frau arbeitet er an einer Musiktheaterproduktion mit. Sie führt Regie, er schreibt die Musik. "Alle zwei Jahre steigt eine Vorstellung. Das nächste Mal diesen Juni!" Gut möglich, dass bis dahin auch der sehnlichst erhoffte Selbstläufer gefunden ist. Der heißeste Kandidat ist derzeit eine Keratinase: "Selbst hinter Bio-Abflussreinigern steckt nur Chemie", berichtet Cordes. Dank des neuartigen Haar-weg-Enzyms könnte es bald eine echte Bio-Alternative geben. Allerdings brauchen auch diese Enzyme mindestens vier Stunden für den Job, den Chemikalien in 30 Minuten machen. "Es ist wieder ein gutes Produkt – aber wieder eines mit einem Pferdefuß. Wenn es uns gelingt, die Anwendungsdauer noch einmal deutlich zu senken, dann würde ich den Rohrreiniger in drei Jahren in den Handel bringen – notfalls auch mit Risikokapital!"

Arno Cordes

wollte eigentlich Brauereitechnologie studieren, fand das Studium dann aber zu fad und wechselte zum an der TU Berlin Ende der 70er Jahre neu eröffneten Studiengang Biotechnologie. Im Nebenfach "Brauerei und Brennerei" destillierte der Praktikant aus den angefallenen Restbieren "eine Art Whisky" für die Labormitarbeiter. Diplom- und Doktorarbeit zu Themen der Enzymtechnologie fertigte Cordes bei der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig an. Nach der Promotion 1985 arbeitete sich Cordes bei der Braunschweiger Biotechnologie GmbH zum Geschäftsführer hoch, bevor er 1991 selbst Gründer wurde. Der 59-Jährige ist verheiratet. Das Paar hat drei, inzwischen flügge gewordene Töchter.

12.03.2015 Eigentlich hat Stefan Müllner Protagen nicht gegründet. Zumindest nicht direkt. Er selbst, über Jahre von der Großindustrie geprägt, sieht sich auch nicht „als typischen Gründer“.

Protagen AG

Uneigentlich hat er jedoch mittlerweile das Denken und Handeln eines Gründers und Chefs einer Biotech-Firma verinnerlicht. Und irgendwie hat er Protagen ja doch mitgegründet.

Die Geburt der Firma erfolgte 1997. Die Forscher Helmut E. Meyer, Dorian Immler und Martin Blüggel spalteten damals den Bereich Proteinanalytik als eigene Gesellschaft bürgerlichen Rechts von der Uni Bochum ab. Das Geschäftsmodell war noch unklar, als schließlich 1999 Meyer Müllner traf und fragte, was er denn von Protagen halte. Der fackelte nicht lange und drängte seine Mitarbeit förmlich auf – und forcierte zusätzlich zur bestehenden Proteinanalytik den Aufbau der Diagnostik-Sparte. Der Fokus sollte hier insbesondere auf Autoantikörper gerichtet sein, deren charakteristische Zusammensetzung im Blut schon früh Hinweise auf die Entstehung einer Krankheit oder die Wirksamkeit einer Arznei geben kann. "VC-Investoren schwanken oft zwischen Gier und Angst", erklärt Müllner die typische deutsche Vorliebe für zweigleisige Geschäftsmodelle. "Sie wollen, dass die Firma an einem bahnbrechenden Produkt tüftelt und noch dazu beständig Umsätze erwirtschaftet, also eine Firma mit zwei Gürteln, drei Hosenträgern und Schutzhelm." Derart in Stellung gebracht war Müllner ein halbes Jahr später bei der Umwandlung in eine AG offizieller Protagen-Mitgründer. "Ich habe mich finanziell beteiligt und vor allem habe ich den ersten Geschäftsplan aufgesetzt", erläutert der Hesse seine Rolle. Sich Protagen ganz verschreiben wollte er aber nicht: "Ich habe damals in der Industrie gut verdient. Mit drei schulpflichtigen Kindern und einem frisch bezogenen Haus erschien mir der Wechsel zu einem Start-up zu riskant."

Während Protagen vom Start weg profitabel war, hatte Müllner Anfang der Nuller Jahre zu kämpfen. Sowohl als Abteilungsleiter bei Hoechst als auch als Director New Business bei Henkel war er stetig in Kontakt mit Start-ups: "Mich reizte es, junge Firmen und ihre Ideen zu fördern." 2002 schließlich wagte er den Absprung und wurde Vorstand des Wagniskapitalgebers Fundamenta Capital. "Es war der richtige Schritt - nur leider zum falschen Zeitpunkt", gibt Müllner zu. Just mit der Karrierezäsur rollte die Pleitewelle in der Biotechnologieszene an. "Bei Fundamenta hat das Haus gebrannt, aber ich habe mich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen – wie Münchhausen", lacht Müllner und fügt geläutert hinzu: "In dieser schwierigen Phase habe ich Demut gelernt – und die Fähigkeit, immer die innere Ruhe zu bewahren."

2004 war Müllner wieder im Geschäft. Aufgrund gestiegener Lizenzgebühren für wichtige Patente wurde bei Protagen das Geld knapp. Christoph Hüls, damaliger CEO von Protagen, holte daraufhin Wagniskapitalgeber an Bord. Diese setzten sich dann erfolgreich für Müllner als Vorstandsmitglied ein. Als Hüls die Firma 2008 Knall auf Fall verließ, übernahm Müllner komplett das Ruder: "Der Aufsichtsrat hat nur gesagt: Machen Sie's. Und machen Sie's gut." Müllner unterzog die Firma einer Rosskur. "Ich bin, hoffe ich, nicht als Sparbrötchen verschrien, aber ich habe alte Zöpfe abgeschnitten", so seine Einschätzung. Damals ging es Protagen nicht gut. Ein wichtiges Produkt, ein Protein-Array, war kommerziell gefloppt und einzig die Proteinanalytik hielt die Firma über Wasser. Später florierte auch das Geschäft mit den Arrays wieder, so dass 2013 die Analytiksparte sogar ausgegliedert wurde. Nachdem kleinere Wirkstoffentwickler Protagens Technologie zur Stratifizierung der Patienten eingesetzt hatten, ließ sich mit Pfizer endlich auch ein Konzern für ein großes Projekt gewinnen. Der endgültige Ritterschlag kam 2014, als Diagnostik-Pionier Qiagen entschied, Protagens Service unter Entwicklern von personalisierten Therapien zu vermarkten – und in Protagen zu investieren. Offenbar sind die Dortmunder attraktiv genug, auch ohne zusätzliche Gürtel und Hosenträger.

Stefan Müllner

bezeichnet sich als genetisch prädisponierten "Hoechster". Er wurde in der Entbindungsklinik des Chemiekonzerns geboren und hat nach Biochemie-Studium und -Promotion an der Universität Frankfurt sowie einer Postdoc-Zeit am NIH Bethesda (USA) elf Jahre für die Hoechst AG und deren Nachfolger Aventis gearbeitet. Später wechselte er zur Henkel KGaA und dem Wagniskapitalgeber Fundamenta Capital AG. Zwar gründete Müllner die Protagen AG 1999 mit, doch erst 2004 stieg er ins Management ein. Seit 2008 leitet er die Geschicke der 40 Köpfe zählenden Firma als Vorstandsvorsitzender. Der 57-Jährige ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Töchtern, lebt in der Nähe von Köln und ist bereits vier Marathons gelaufen.

12.02.2015 Hartmut Juhl spürt, jetzt ist die Zeit gekommen: „Dreizehn Jahre haben wir gebraucht, aber nun geht es richtig los.“

Indivumed GmbH

Seine 2002 gegründete Firma Indivumed zählt mittlerweile 90 Angestellte und hat gerade einen Jahresumsatz von fast sechs Millionen Euro erreicht – und somit die schwarze Null. In seiner Begeisterung vergleicht Juhl seine Firma gar mit einer schlafenden Schönheit, die jetzt aufgewacht sei. Über die Jahre hat der Hamburger Unternehmer eine Sammlung von 20.000 Tumorproben von Patienten aufgebaut und um sie herum ein Geschäft mit Dienstleistungen entwickelt. Das mag an sich nichts ungewöhnliches sein, doch Juhl will zwei Sachen richtig verstanden wissen: die Besonderheiten der Biobank und die hanseatische Mentalität. Ersteres ist schnell erzählt. „Biobanken, wie sie bisher gemacht wurden, sind relativ sinnlos“, gibt sich Juhl angriffslustig. „Die für gute Daten notwendige Qualität kann nur sichergestellt werden, wenn in kompetentes Personal investiert und das nötige Netzwerk geknüpft wird.“ Das Probensammeln im Operationssaal übernehmen bei Indivumed trainierte Fachkräfte. Diese arbeiteten die entnommene Tumorbiopsie sofort auf, wertvolle Informationen bleiben erhalten. Der Prozess ist standardisiert und somit ist die Vergleichbarkeit zwischend verschiedenen Kliniken gewährleistet. „Wir haben schon früh auf Standardisierung und Schnelligkeit geachtet und gelten nun als Referenz für eine vorbildlich geführte Biobank“, versichert der 54-Jährige.

Doch warum kann sich in Zeiten des schnellen Profits Indivumed den langen Atem leisten? „Uns war von Anfang an bewusst, dass die Idee Zeit braucht“, erinnert sich Juhl. Investoren, die den Exit nach maximal fünf Jahren suchen, kamen somit nicht in Frage. „Hier in Hamburg haben wir Geldgeber gefunden, die die lange Vision mitgetragen haben und die auch in kritischen Zeiten zu ihrem Wort standen.“ Also ganz die alte hanseatische Schule? Juhl lacht. „Ich hätte auch Investoren aus Süddeutschland willkommen geheißen – wenn sie mein Konzept mitgetragen hätten.“

Indivumed in den USA aufzubauen, war hingegen keine Option: „Finden sie dort mal jemanden, der das so halb-philantropisch finanziert!“ Der Hanseat studierte wie sein früh verstorbener Vater Medizin und war sowohl als Postdoc als auch Professor für zwei Lebensphasen in den USA. Während sein erster Sohn noch in Hamburg geboren wurde, kam der Jüngere schon an der Ostküste zur Welt. Eigentlich wollte die Familie längere Zeit in Washington bleiben, doch die hanseatischen Bande waren am Ende stärker: Als es um die Jahrtausendwende die Möglichkeit gab, zusammen mit einem befreundeten Klinikchef eine Sammlung von Dickdarmkrebsproben zu initiieren, ging Juhl zurück und ließ damit auch die akademische Welt hinter sich: „In den USA wird man mit dem unternehmerischen Denken vertraut gemacht. Mit dem Aufkommen der Idee einer Krebsdatenbank war die gedankliche Tür zur Gründung einer Firma aufgegangen – und sie ging nicht mehr zu.“ Dass es trotz der Katerstimmung nach dem unsanften Ende des Biotech-Hypes mit Indivumed vorwärts ging, lag zum Teil an Juhls intaktem Netzwerk, zum Teil auch an der finanziellen Hilfe der Stadtverwaltung. Ein betriebswirtschafliches Glanzstück war 2008 der Aufbau der Tochterfirma Inostics, die sich der blutbasierten Gendiagnostik verschrieben hatte. Nach nur drei Jahren wurde Inostics gewinnbringend an Sysmex aus Japan verkauft.

2005 erhielt Juhl übrigens den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „Visionär“. Jetzt, zehn Jahre später, scheint der Vorschusslorbeer gerechtfertigt. Indivumed sammelt derzeit US-Kapital im großen Stil. Mit neuen Kliniken soll die Biobank möglichst schnell auf 100.000 Proben anwachsen und so für Pharmakunden noch attraktiver werden. Mit dem Wachstumsschub kommt ein zweiter Geschäftsführer in die Firma. Auch dieser Schritt zeugt von Weitsicht: „Das Tempo nimmt zu, aber meine Ressourcen sind endlich. Noch hat der gefühlte Engpass der Firma nicht geschadet, aber ich möchte hier gegensteuern.“ Außerdem erhofft sich Juhl frischen Wind für die Firma: „Wenn ein Unternehmen wie eine kleine Familie über Jahre geführt wird, ist diese sehr auf diese Person ausgerichtet. Das wird irgendwann einmal zu einem Problem.“

Hartmut Juhl

Hartmut Juhl wurde in Hamburg geboren und ausgebildet. Als Postdoc ging er ans Lombardi-Forschungszentrum in Washington (USA). Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er parallel in Hamburg und Kiel als Chirurg. Auf seine Habilitation folgte 1998 der Wechsel als Professor zurück in die USA. 2001 der vorerst letzte Umzug. Im Jahr darauf gründete er in Hamburg die Indivumed GmbH, an der er auch heute noch maßgeblich beteiligt ist. Juhl lebt mit seiner Familie in Hamburg. Angesteckt von der Fußballbegeisterung seines älteren Sohnes ist er häufig im HSV-Stadion. Selbst aktiv ist er nur im Rahmen einer sonntäglichen „Herrenrunde", weshalb er montags regelmäßig etwas verbogen" in der Firma auftaucht.


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