c-LEcta GmbH

Marc Struhalla: Ein Dickbrettbohrer in Leipzig
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Marc Struhalla: Ein Dickbrettbohrer in Leipzig

28.02.2013 - „Die ersten ein, zwei Jahre haben wir uns durchgekämpft“, bekennt Marc Struhalla offen. Als er 2004 in Leipzig die c-LEcta GmbH gründete, konnte er weder auf viel Biotech-Erfahrung der Technologietransferstelle noch auf ein ausgedehntes Industrienetzwerk bauen.

Die Stadt Leipzig schoss etwas Geld aus einem Investmentfonds zu, was aber schon bald verbraucht war: "Gleich im ersten Jahr mussten wir auf Kurzarbeit umstellen und die operative Tätigkeit fast auf Null zurückfahren", so Struhalla. Dennoch haben die Enzymspezialisten überlebt. Und auch Struhallas Eltern dürften sich mittlerweile an der Firma des Sohnemannes erfreuen. Sie liehen ihm damals Geld, sodass er seinen Teil des Stammkapitals zur Gründung einer GmbH aufbringen konnte. "Insbesondere mein Vater hat sich Sorgen gemacht, ob das Abenteuer Firmengründung eine gute Entscheidung ist", erinnert sich Struhalla, "Ich habe dann aber wohl durchaus glaubwürdig und überzeugend argumentiert." Die Skepsis des Vaters war nachvollziehbar. Immerhin gab es damals eine verlockende Karriereoption in der Wissenschaft - und Struhalla war noch dazu gerade Vater geworden. Doch das Vertrauen hat sich gelohnt. "Als die Firma über den Berg war, war mein Vater natürlich unglaublich stolz", berichtet der Sohn - wiederum selbst nicht ganz ohne Stolz.

Den Anstoß zur Gründung gab eine neue Screeningtechnologie, mit deren Hilfe man Enzyme mit speziellen Eigenschaften schneller auffinden kann. Schon in den ersten Jahren weitete die Firma ihre Aktivitäten aber auch auf die Produktion der Enzyme aus. Zu den Erfolgen gehört eine Asparaginase zur Verringerung kanzerogenen Acrylamids in erhitzten Lebensmitteln und eine hochreine Nuklease für den Einsatz in der biopharmazeutischen Industrie. Mittlerweile sind mehr als 50 Arbeitsplätze in Leipzig entstanden. Da die Firma in den alten Räumen des Gründerzentrums fast aus den Nähten platzte, stand vor wenigen Wochen der Umzug in den Neubau "BioCube" auf der Agenda. Dort ist c-LEcta nun einer der beiden Hauptmieter. Mit dem Umzug hat die junge Firma "ein dickes Brett gebohrt, aber es hat alles bestens geklappt". Auch die Auftragsbücher sind voll, der Laden brummt.

Auf die Frage, warum sich das Blatt gewendet hat, weiß Struhalla selbst keine rechte Antwort: "Irgendwann um 2010 oder 2011 kam der Stein ins Rollen. Teilweise sind wir potentiellen Industriepartnern über Jahre hinterhergelaufen, haben ständig versucht, uns ins Gespräch zu bringen - ohne Erfolg. Und dann rufen die gleichen Firmen von ganz alleine an!" Referenzprojekte, Kontakte, Lebensjahre der Firma - der Niedersachse vermutet, dass die c-LEcta zu diesem Zeitpunkt eine gewisse "kritische Masse" erreicht hatte. Die allerorten anzutreffende Bioökonomie-Begeisterung sei aber kein Grund gewesen: "Viele Firmen setzten sich durchaus strategisch bewusst mit dem Thema Industrielle Biotechnologie auseinander, getreu dem Motto 'Müssen wir da nicht auch was machen?' Doch die Zahl der guten Projekte blieb unverändert - auf niedrigem Niveau."

Die größte Herausforderung der Weißen Biotechnologie, so sein Fazit, ist und bleibt das Ausfindigmachen guter Ideen. Die Identifizierung der Universität für das Studium vor 20 Jahren wurde dem Freizeitfußballer hingegen abgenommen: "Irgendwie war mein Abitur nicht gut genug, als dass ich eine Wahl gehabt hätte." Insofern wurde Struhalla 1994 "ein bisschen genötigt", nach Leipzig zu kommen. Nach der Promotion fiel die Wahl etwas weniger zufällig wieder auf die sächsische Stadt: "Leipzigs Image hatte sich noch einmal verbessert. Außerdem gibt es hier viele gut ausgebildete Fachkräfte - und wenige Firmen, mit denen wir in Konkurrenz um diese stehen." Struhalla strahlt im Interview Ruhe und Überzeugung aus. Nach der turbulenten Gründungszeit hat er die Firma in ruhigere Gewässer geführt. "Am Ende ist man ja ein unglaublich privilegierter Mensch", sinniert er, "Ich habe viele Dinge im Leben, die ich gerne mache. Ich gehe gern zur Arbeit, genieße die Zeit mit meiner Familie, habe spannende Hobbys, treffe mich gern mit Freunden. Was will man denn mehr?"

Aufgewachsen in Bohmte nördlich von Osnabrück, studierte Marc Struhalla Biochemie in Leipzig. 2003 promovierte er an der Universität Hamburg über die Substratspezifität der Ribonuklease T1. Als Projektleiter war er danach zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig, bevor er 2004 die c-LEcta gründete, deren Geschäftsführer er bis heute ist. Nach dem Weggang des Mitgründers Thomas Greiner-Stöffele leitet der Biochemiker seit Ende 2012 die Firma in Doppelregie mit dem Finanzvorstand Carsten Fietz. Struhalla ist verheiratet und zweifacher Vater.

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29.04.2013 Detlev Goj kennt die verschlungenen Pfade des Lebens. In Thailand entdeckte der Norddeutsche nicht nur seine Berufung zum Unternehmer, sondern er fand dort auch sein privates Glück:

Als ich dort begann, ein Unternehmen aufzubauen, war meine erste Stellenausschreibung ein Dolmetscher. Beworben hat sich eine Englischlehrerin des örtlichen Gymnasiums - meine zukünftige Frau." Nach Südostasien hatte ihn ein privater Schicksalsschlag getrieben, an dem auch seine erste Ehe in die Brüche ging. Das alles hat er aber längst verarbeitet. Später ging es zurück nach Deutschland. Der Nachwuchs spricht neben Deutsch und Thai auch fließend Englisch, erzählt er stolz. Diesen Sommer wird die Familie wieder umziehen. Dieses Mal geht es nach Westen. In den USA will der gebürtige Delmenhorster in Woburn nahe Boston ein neues Produktionsgebäude für einen Geschäftspartner aufbauen. Auch wenn er damals aus privaten Gründen das Weite gesucht hat, der vielgereiste Ovamed-Chef ist meistens in geschäftlicher Mission unterwegs. Gojs täglich Brot sind Peitschenwürmer. Genauer: Eier des Schweinepeitschenwurms (Trichuris suis), die als hundertprozentig biologische Arznei bei Autoimmunerkrankungen helfen sollen. Um die Verwunderung komplett zu machen, sei noch erwähnt, dass die mikroskopisch kleinen Eier auf einer Farm in Göttinger Minischweinen gezüchtet werden, den natürlichen Wirten der Parasiten. Die Eier werden aus deren Faeces isoliert. "Auf gut Deutsch heißt das Scheiße", sagt Goj lachend. Was andere ekelerregend finden, ist für ihn ein "exotisches Geschäftsfeld".

Goj ist ein spätberufener Unternehmer. Der 53-jährige Niedersachse arbeitet zunächst jahrelang als Manager - auch einmal als Marketingleiter für den Bereich Wundversorgung. "Damals lud ich die bekanntesten Wundchirurgen Deutschlands zu einem Brainstorming ein", erzählt er. Ein Problem, das die Ärzte umtrieb, war das Débridement. "Ich wollte dann eine alte Methode zur Entfernung von infiziertem, geschädigtem oder abgestorbenem Hautgewebe wiederaufleben lassen - Fliegenmaden. Als ich das meinem Chef vorschlug, hat der mich für verrückt erklärt - und ich habe gekündigt."

Goj gründete in Hamburg seine erste Firma, die Biomonde GmbH und Co. KG. Der Erfolg gab ihm recht: ein GMP-Zertifikat für die Maden-Produktion, die Zulassung als Arzneimittel und Produktionsstätten in Thailand und Südkorea. 2003 dann der Verkauf und die Verwirklichung einer neuen Idee: "Ein vollständiger biologischer Organismus leistet hervorragende klinische Dienste. Da muss es noch mehr geben, dachte ich mir." Fündig geworden ist er bei den entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn. "Diese Autoimmunleiden kommen nur in den Industriestaaten vor - womöglich liegt das an den dort erfolgreich zurückgedrängten Parasiten", so Goj. Es folgte ein Blick in die Forscherdatenbanken und ein Anruf bei Joel Weinstock. Auch der Gastroenterologie-Experte der Universität Iowa war der Meinung, dass Parasiten immunmodulierend wirken. Goj schickte ihm ein Flugticket nach Deutschland, damit er sich in Barsbüttel ein Bild von der Madenproduktion machen konnte. Weinstock muss beeindruckt gewesen sein, denn Gojs neue Firma, die Ovamed GmbH, erhielt die exklusiven Rechte an der Therapie von Autoimmunleiden mit Hilfe besagter Peitschenwürmer. Für die ersten Indikationen laufen derzeit die großen Phase II-Studien. Die potentiellen Studienteilnehmer hätten der 12-köpfigen Firma "die Bude eingerannt" - von Ekel keine Spur. Egal ob Morbus Crohn, Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis oder Autismus, die Wirksamkeitsdaten seien bisher vielversprechend. Zusammen mit dem Fehlen von Nebenwirkungen verleitet das den Ovamed-Chef zur Einschätzung "Blockbuster". Wenn die Zulassung für die erste Indikation da ist - und das sei so sicher wie "das Amen in der Kirche" - , will Goj das Geschäft an einen Pharmakonzern abgeben: "Wenn mir ein zwei- bis dreistelliger Millionenbetrag für meine Anteile angeboten wird, dann kann man gar nicht so schnell gucken, wie ich unterschreiben würde." Kommt es zum Verkauf, dann wird sich Goj aber nicht in den Ruhestand verabschieden. "Die nächsten Projekte habe ich schon im Kopf! Meine Inspirationsquellen dafür sind zum einen Seeschwämme und zum anderen Fledermäuse." Für Gojsche Verhältnisse eigentlich schon fast unoriginelle Forschungsobjekte.

Detlev Goj

Der vierfache Vater studierte zunächst Wirtschaftsingenieurwesen, ging zur Marine und arbeitete als Berater in Buchhaltungsfragen für verschiedene Firmen. Mit der Wissenschaft kam Goj zum ersten Mal als Marketing-assistent und später -manager für Laborglaswaren bei Erie Scientific in Braunschweig – jetzt Thermo Fisher Scientific – in Berührung. Mitte der 90er Jahre baute er als Mitgründer in Thailand eine Glasfabrik auf. In Deutschland arbeitete Goj zwar zunächst kurz wieder als Manager, doch dann machte er sich mit Biomonde und später mit Ovamed selbständig.

28.03.2013 Mit seiner Firma geht es aufwärts, doch privat schlägt Peter Ripplinger auch gern einmal die entgegengesetzte Richtung ein: Mindestens drei Mal im Jahr geht es tief unter die Erde.

Im Urlaub zieht es den Geschäftsführer des Stuttgarter Mikroalgen-Spezialisten Subitec GmbH in die faszinierende Welt der Höhlen: „Ich bin eigentlich Kletterer und Bergsteiger, doch leider sind diese Aktivitäten stark vom Wetter abhängig. Unter der Erde gewittert es hingegen nicht.“ Als Student ist man noch zeitlich flexibel, erzählt er, doch als Chef einer Firma muss sich das Hobby in den Takt der Geschäftstermine einfügen. Dass er die Schwerpunkte anscheinend richtig gesetzt hat, das zeigt die Entwicklung von Subitec. Im Jahr 2000 als Spin-off des Stuttgarter Fraunhofer-Institutes für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) gegründet, um marktreife Ideen patentrechtlich zu schützen, blieb Subitec zunächst von vielen unbemerkt. Geld für eine Startfinanzierung war schwer zu bekommen und von den aktiven Forschern des IGB konnte keiner in die Geschäftsführung des Start-ups wechseln. Dabei war die Idee, die maßgeblich von Walter Trösch – seinerzeit stellvertretender Leiter des IGB – entwickelt wurde, gut: sogenannte Flachplatten-Airlift(FPA)-Photobioreaktoren für die Massenkultivierung von Mikroalgen unter Nutzung von Sonnenlicht. 

Im Vergleich mit anderen Kultivierungsmethoden besticht das Subitec-System durch den niedrigen Energieverbrauch, der für die Reaktordurchmischung aufgewendet werden muss. Mit Kohlendioxid versetzte Druckluft steigt durch die Reaktoren auf, statische Mischer stellen die gleichmäßige Verteilung sicher. Dass Subitec 2007 aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurde, geht vor allem auf den High-Tech Gründerfonds (HTGF), der Ripplinger zum Einstieg bewog, – und natürlich Ripplinger selbst zurück. Standen bisher die Produkte der Algen im Vordergrund, rückte der Chemiker die Technologieplattform in den Fokus. „Ob hochwertige Endprodukte wie den roten Farbstoff Astaxanthin und die Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure oder massenweise Algenlipide für die Produktion von Treibstoffen – die FPA-Reaktoren können für hunderte erdenkliche Anwendungen eingesetzt werden“, so Ripplinger. Seit der Neuorientierung geht es stetig aufwärts. Mittlerweile sind vier Pilotanlagen in Deutschland montiert. 2009 hatte die Firma vier Mitarbeiter, 2011 sieben, jetzt zehn und für das kommende Jahr sind 15 bis 20 avisiert. 

Die Zukunftspläne kommen nicht von ungefähr, denn Ripplinger gelang 2012 ein Finanzierungscoup: Mit dem Wagnisfinanzierer eCapital an der Spitze konnte eine Finanzierungsrunde über 4,5 Mio. Euro abgeschlossen werden. Neben einem größeren Team soll auch ein neuer Standort bei Stuttgart aufgebaut werden. Obwohl es am IGB durchaus viele nutzbare Synergie-Effekte gibt, überwiegt der Wunsch, schneller wachsen zu können. „Wir emanzipieren uns von der Mutter“, scherzt Ripplinger. Dass das keine zaghaften Anstrengungen sind, wird sofort klar, als er die geplante Internationalisierung der Firma mit einem forschen „Jetzt geht es in die Welt hinaus!“ ankündigt. Schon jetzt ist Ripplinger mit Subitec erfolgreicher als mit seinem ersten, 1999 gegründeten Start-up, der Heidelberger Rootec. Trotz Finanzierungszusagen wurde eine Tranche der zweiten Runde nicht ausgezahlt. Das bedeutete das Aus „aufgrund der Wahl des falschen Investors“, wie Ripplinger betont. Die Technologie – ein Bioreaktor, in dem zum Beispiel Wurzeln wirkstoffhaltiger Pflanzen unter optimalen Bedingungen kultiviert werden können – wurde in die Schweiz verkauft. Ripplinger wurde selbständig, bis er vom HTGF ans Steuer der Subitec geholt wurde. Der Rest ist Geschichte, und wenn Ripplinger nicht in der Welt unterwegs ist, um die Flachplatten-Reaktoren an den Mann zu bringen, dann ist er vielleicht wieder einmal unter der Erde. In den Höhlen Mallorcas zum Beispiel. Für einen vielbeschäftigten Manager ein schöner Nebeneffekt des Hobbys: „Dort unten gibt es garantiert keinen Handyempfang!“

Peter Ripplinger

Der 52-jährige Peter Ripplinger ist geborener Saarländer. Aufgewachsen ist er jedoch am und im Odenwald in Viernheim und in Eberbach. Studium und Promotionszeit absolvierte Ripplinger ebenfalls nicht weit entfernt in Heidelberg. In seiner Doktorarbeit befasste sich der Chemiker mit den Wechselwirkungen von Cadmium- und Kalzium-Ionen mit Polyvinylsulfat. In den folgenden vier Jahren arbeitete Ripplinger als selbständiger Unternehmensberater, bevor er 1999 zum ersten Mal das Ruder eines Start-ups übernahm. Seit 2007 leitet der zweifache Familienvater die Stuttgarter Subitec GmbH. Sein Lebensmittelpunkt ist nach wie vor der Odenwald.

31.01.2013 Dezember 2012. Eine Gruppe von 35 Menschen begibt sich auf einen Winterspaziergang. Das Ziel: Kloster Andechs am Ammersee. Der Chef weist der Belegschaft den Weg: „Wie üblich werden wir in der Firma gemeinsam einen Berg erklimmen.“

Erst die Arbeit, dann die Weihnachtsfeier – in etwa so würde Martin Seifert wohl die Firmenphilosophie der Genomatix GmbH formulieren. 1997 gegründet, hat das Münchener IT-Unternehmen bereits schon das eine oder andere Tal durchschritten. „Kritisch war die Situation 2008“, weiß der Geschäftsführer zu berichten. „Genomatix macht Datenmengen biologischen Ursprungs so nutzbar, dass man kein Informatiker sein muss – und Biologe sein darf –, um damit arbeiten zu können.“ Bis 2008 verdiente die Firma vor allem mit Microarray-Analysen ihr Geld. Doch dann kam die Hochdurchsatzsequenzierung (NGS) auf. Seifert: „Kaum dass NGS in der Community angekommen war, brach unser Hauptgeschäftsfeld deutlich ein.“ Die Zahl der Microarray-Analysen reduzierte sich innerhalb eines Jahr spürbar, denn Sequenzierungen waren erheblich günstiger geworden. Die Firma musste drei harte Quartale überstehen und Seifert glaubt, dass dies das Ende für Genomatix gewesen wäre, wenn nicht ein Plan B in der Schublade gelegen hätte. „Zum Glück hatten wir bereits 2006 damit angefangen, NGS-Analysen sehr intensiv zu betreiben. Somit konnten wir direkt noch 2008 unser erstes NGS-Produkt auf den Markt bringen.“ Seifert ist ein lockerer Typ. Im Gespräch scheint er das eine oder andere Mal vor lauter Lachen zu bersten. Wer ein solch ansteckendes, gewinnendes Lachen sein Eigen nennt, dem nimmt man sofort ab, dass er auch die Krise 2008 mit Humor gemeistert hat: „Die allerwichtigste Komponente für ein produktives Arbeiten ist ein gewisses Grundmaß an Humor, mit dem man die ganze Sache betrachten kann.“  Seifert ist erst seit 2004 in der Firma. Der Biologe kam von der TU München und war davor selbst Kunde der Genomatix. Geübt im Umgang mit Microarray-Analysen führte er anfangs Trainingsmaßnahmen für Genomatix-Kunden durch. Dann betreute er eigene Projekte, später wechselte er in den Vertrieb. Als der Firmengründer Thomas Werner 2009 wieder verstärkt wissenschaftlich aktiv werden wollte, stieg Seifert in die Geschäftsführung auf. „Wenn Thomas Werner damals kein Zutrauen in mich gehabt hätte, dann hätte er den Schritt in die akademische Welt wahrscheinlich auch nicht gemacht“, ist sich der 42-Jährige sicher. Seifert ist Geschäftsführer und leitet die Unternehmensentwicklung gemeinsam mit dem Informatiker Matthias Scherf, dem Technischen Direktor. In enger Abstimmung beobachten sie, welche neuen Trends für die Firma von Belang sein könnten. Nach der gefährlichen Flaute 2008 ist für den Hobbysurfer eines sicher: „Wenn wir die nächste Welle verschlafen, dann kann es schnell kritisch werden.“ Als Dienstleister muss Genomatix immer über alle aktuellen Entwicklungen informiert sein, denn „Akademiker kaufen uns nur etwas ab, wenn sie glauben, dass wir auch etwas können.“ Doch eine gute Reputation allein reicht nicht aus. Viele Wissenschaftler aus dem akademischen Umfeld entwickeln selbst Analysetools, die sie der Community kostenlos zur Verfügung stellen. Für Genomatix heißt es, kreativ zu bleiben. „Von der Public Domain abgefrühstückte Projekte bringen keinen Umsatz mehr. Dann muss man sehen, dass man in anderen Bereichen wieder vorn mit dran ist.“ Die nächste Technologiewelle, die Seifert mit der Firma in Angriff nehmen will, sind Genomanalysen im Rahmen der personalisierten Medizin. Erste, gemeinsam mit der Tübinger Firma Cegat konzipierte Tests wurden bereits mit Preisen dekoriert. Die Wellen haben es dem gebürtigen Oberbayern angetan. Schon als Kind mit dem Segeln vertraut gemacht, reicht es aus Zeitgründen derzeit oft nur für die Sparvariante, das Windsurfen: „Wenn es draußen richtig pfeift und stürmt, ich aber hier noch im Büro gefesselt bin, dann schaue ich schon einmal traurig aus der Wäsche.“ Ein unwettererprobter Trendscout an der Spitze – für die Münchener Firma womöglich eine gute Wahl, um auch in der Zukunft noch so einige Berge erfolgreich zu erklimmen.

Der 1970 in Weilheim geborene Seifert studierte Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Es folgte die Promotion an der TU München und ein Postdoc-Aufenthalt bei John Sumpter an der Brunel University London. Nach der Rückkehr an den Lehrstuhl für Zellbiologie der TU baute er dort eine Microarray Facility auf. Seit 2004 arbeitet Seifert für die Genomatix Software GmbH. Der Oberbayer lebt mit seiner langjährigen Lebensgefährtin in Fischen am Ammersee.  

29.11.2012 Als vor einem Jahr der Vorstandsvorsitzende der Humatrix AG planmäßig ausschied, stand die Frage der Neubesetzung im Raum. Der Aufsichtsrat der DNA-Diagnostikfirma fragte die Vorstandskollegin Anna Eichhorn, ob sie die Aufgaben mitübernehmen wolle.

Sprüche wie "Es wäre vielleicht an der Zeit" und "Das wäre eine schlaue Wahl" kursierten. Eichhorn zögerte. Immerhin hallte noch die Klage ihrer Tochter über die "doofe Firma" nach.  Eichhorn hatte sich bewusst für eine Familie entschieden und mit dem ersten Kind die Überstunden rigoros zusammengestrichen: "Ich arbeite jetzt zwar weniger, bin aber wesentlich effizienter", sagt sie. Dass das Schnell-nach-Hause-Kommen aber nicht immer klappt, liegt in der Natur der Sache. Eichhorn ist es, die die Verantwortung für acht Mitarbeiter und die Investitionen der Aktionäre trägt. Die Familie funktioniert dennoch. Das liegt auch an Eichhorns Mann: "Der stellt seine Karriere momentan hinten an und arbeitet in Teilzeit an der Universität." Eichhorn weiß das - und sie schätzt das. Aber auch wenn die Absprache innerhalb der Familie klappt, nach außen müsse vor allem ihr Mann so manchen Strauß ausfechten: "Die Akzeptanz für Männer, die der Familie zuliebe zurückstecken, ist gleich Null. Mein Mann hat mit Vorurteilen und Fehlwahrnehmungen zu kämpfen." Halb amüsiert, halb nachdenklich erinnert sich die Vierzigjährige an einen Gedanken ihrer Tochter: "Wenn ich groß bin und ich werde eine Frau, dann muss ich arbeiten. Wenn ich aber groß bin und ich werde ein Mann, dann darf ich an die Uni." Bald wird der Tochter aufgehen, dass das mit der Geschlechtsumwandlung nicht ganz so einfach ist. Irgendwann wird sie vielleicht auch zwischen Industrie und akademischer Welt, sicherlich aber zwischen Karriere und Familie wählen müssen. Die Mutter hat Anfang 2012 den Schritt nach vorn gewagt und ist nun alleinige Chefin. Im ersten Jahr hat sich Humatrix gut entwickelt. Eichhorns Kommentar: "Da kann ich so viele Dinge nun auch wieder nicht falsch gemacht haben!"  Zum Glück ist die Biochemikerin eine "geborene Optimistin". Die Gesellschaft wird sich auf neue Rollenbilder einstellen, so wie sie sich auf die Chancen und Gefahren der Gendiagnostik eingestellt hat. Die Arbeit für das Anfang 2010 in Kraft getretene Gendiagnostikgesetz hat Eichhorn seit der Gründung der Humatrix AG 2001 begleitet. "Das Innovationsklima ist in Deutschland nicht gut." Gerade am Anfang gab es viel schlechte Presse und Start-ups wie Humatrix wurden als "DNA-Läden, die vom Teufel geritten sind" bezeichnet. So dauerte es etwa zehn Jahre, bis Eichhorn in Sachen Gendiagnostik endlich so etwas wie Akzeptanz und Selbstverständlichkeit bei Ärzten und Patienten spürt.  Die Humangenetik wurde zunächst in die Schmuddelecke gesteckt - und Humatrix war daran womöglich nicht ganz schuldlos. Das wichtigste Produkt der Anfangsjahre war ein Vaterschaftstest, der wichtigste Marketingkanal das Privatfernsehen. Ob "Bärbel Schäfer" oder "Britt", die Tests wurden in Frankfurt gemacht. Zu den besten Zeiten klickte es nach jeder Sendung etwa 800 Mal auf der Homepage. "Das war das beste Marketing, das man sich als junge Firma vorstellen konnte", so Eichhorn. "Dass wir dafür angefeindet worden sind, halte ich für ungerechtfertigt. Der Test hatte - und hat - seine Berechtigung." Neben der schlechten Presse und missgünstigen "Silberrücken" aus der akademischen Welt hatte die Firma aber auch mit dem eigenen Erfolg zu kämpfen. Von drei Biochemikern, einem Bioinformatiker und einem Juristen gegründet, führte der erste Erfolgsschub zu "Reibungsverlusten" im Team. Der Erfolg mache, so glaubt Eichhorn, manche gierig und manche faul. Im Frühjahr 2013 feiert Humatrix den 12. Geburtstag. Kaum vorstellbar, dass die Gründer zunächst nicht einmal eine konkrete Geschäftsidee hatten. "Zuerst hat sich das Team gefunden, dann wurde die Idee erarbeitet", erinnert sich Eichhorn. "Wir alle waren vom gerade abgeschlossenen Humangenomprojekt begeistert und wollten daher einen Anbieter für DNA-Analysen auf die Beine stellen." Der Vaterschaftstest machte 2003 95% des Umsatzes aus. Mittlerweile haben andere erfolgreiche Produkte diesen Anteil auf weniger als 40% gedrückt. Humatrix konzentriert sich seit 2009 insbesondere auf den Bereich Pharmakogenetik. Das Geschäft mit den DNA-diagnostischen Untersuchungen zu Arzneimittelunwirksamkeiten und -unverträglichkeiten läuft gut und Eichhorn hofft, dass sie bald "zum ersten Mal mehr als zehn Angestellte" hat. Und werden die Kinder mit dem Erfolg der Mama klarkommen? Immerhin: "Sie finden es cool, wenn ich samt Foto in einem Artikel auftauche." Und die Redaktion findet es cool, wenn |transkript demnächst auf dem Schulhof die Runde macht.  

Gemeinsam mit vier Männern – zwei davon ehemalige Praktikanten, die sie als Doktorandin anleitete – gründete Anna Carina Eichhorn 2001 die Humatrix AG. Nach elf Jahren als Technologievorstand des kleinen Diagnostikunternehmens aus Frankfurt/Main leitet sie die Firma seit 2012 allein. Eichhorn studierte zunächst Biochemie und promovierte 2003 am Institut für Molekulare Genetik der Goethe-Universität. Die Mutter zweier Kinder lebt mit ihrer Familie in Frankfurt.

25.10.2012 Mit einem Weißwurstfrühstück beging die Münchener Vermicon AG im September ihr 15-jähriges Bestehen. „Wahnsinn“, entfährt es Jiri Snaidr: „Wie schnell die Zeit vergeht!“

Der im mährischen Brünn geborene Chef des Spezialisten für industrielle Mikrobiologie wundert sich über die Blauäugigkeit der Anfangsjahre. Nach seiner Promotion über Gensonden diskutierte er eines Tages im Treppenhaus mit Kollegen, ob die Technologie auch jemand kaufen würde. „Ich könnte eine Firma gründen“, durchfährt es ihn. Gesagt, getan. Aus dem Bauchgefühl werden Bauchentscheidungen. Die Kündigung der Wohnung wird zurückgenommen. Die Postdocstelle in Chicago abgesagt. „Im Nachhinein war das völlig irre“, gibt Snaidr zu. Er beginnt das Abenteuer mit zwei Ingenieuren, wird dann kurz zum Einzelkämpfer, bevor er mit Claudia Beimfohr eine Partnerin im Geiste ins Unternehmen holt, die ihn bis heute begleitet. Snaidr selbst merkte damals schnell, dass sein wissenschaftlicher Hintergrund allein nicht ausreicht: „Probleme gab es immer dann, wenn jemand etwas gemacht hat, das ich nicht bewerten konnte.“ Ein Unternehmer muss und soll seiner Meinung nach zwar nicht alles selber machen, aber er sollte es im Prinzip selber machen können. „Andernfalls wird man ganz klar beschissen“, bringt er seine Meinung markig auf den Punkt. Es folgt also ein Management-Fernstudium und danach trotz aller Bauchgefühle doch noch ein Geschäftsplan. Mit dem gewinnt Vermicon sogleich den zweiten Preis beim Münchener Business Plan Wettbewerb 1999. Die Kernidee basiert auf der Erkennung von Mikroorganismen durch sequenzspezifische VIT®-Gensonden direkt in der Probe. Neben Getränke- und Lebensmittelproduzenten sollen sich dank der 2012 neu erhaltenen GMP-Bestätigung in Zukunft auch vermehrt Arzneimittelhersteller auf die Nachweis-Künste der Münchener verlassen.

Seit der Firmengründung hat Snaidr einen Wunschtraum: „Ich möchte die Fesseln der konventionellen Mikrobiologie sprengen.“ In der Anfangszeit ein schwieriges Unterfangen – ist doch die Mikrobiologie ein eher konservatives Feld. „Vor einiger Zeit erzählte uns ein neuer Kunde, dass er uns vorher schon eine Weile beobachtet hatte“, untermauert Snaidr seinen Eindruck. „Nun raten Sie mal, wie lange er das gemacht hat. – Zehn Jahre!“ Mikrobiologie sei halt Vertrauenssache. Immerhin verkehre sich der Nachteil langsam in einen Vorteil: „Viele Kunden denken, wer sich so lange am Markt hält, der könne dann so schlecht nun auch wieder nicht sein.“ 

Die für einen Unternehmer nötige Entscheidungsfreude führt Snaidr auf seine Eltern zurück. Als er zwei Jahre alt war, rollten sowjetische Panzer in dieČCˇSSR ein, um den Prager Frühling zu beenden. Damals hielt sich Snaidrs Vater in München auf. „Er rief in Brünn an und sagte meiner Mutter ‚Entweder du nimmst die zwei Buben jetzt und lässt Familie, Hunde und Haus zurück und wir können in Freiheit leben oder ich komme zurück nach Brünn und wir arrangieren uns mit den Besatzern.‘“ Die Entscheidung, nach Westdeutschland auszureisen, wurde nie bereut. Die Familie integriert sich schnell. Snaidrs Lieblingsbier indes deutet noch auf die Herkunft hin: „Budweiser! – Aber natürlich das Original aus Böhmisch Budweis, nicht das US-amerikanische.“ Mit 22 Jahren reist er in die Heimat seiner Eltern, nichtsahnend – so schildert er mit ironischer Entrüstung – dass man das zwei Jahre später auch wesentlich einfacher hätte tun können.

In seiner Jugend war Snaidr ein Pferdenarr. Nach einer Reihe von „nicht so lustigen“ Stürzen sattelte er um auf Laufen und Segeln: „Kein Handy – nur der Wind, das Wasser, das Schiff: Das ist super!“ Ganz Wissenschaftler bezeichnet er die Hobbys – darunter auch fotografieren und Querflöte spielen – als Mittel zur „Rekalibrierung“. Dabei hat der Familien- und Unternehmensvater festgestellt, dass er den Sport braucht, um physisch und mental fit zu bleiben. Und wenn er einmal doch nicht mehr kann? „Vielleicht wollen dann meine Töchter die Firma übernehmen.“ Snaidr zwinkert: „Die kleine hat zumindest schon einmal den richtigen Berufswunsch: Chef!“

Jiri Snaidr wurde 1966 in der Tschechoslowakei geboren. 1968 emigrierte seine Familie nach Deutschland. Snaidr ist promovierter Biologe mit Schwerpunkt Mikrobiologie und anschließender Managementausbildung an der Open University (GB). Die Vermicon AG gründete er 1997. Als Vorstandsvorsitzender trieb Snaidr die Entwicklung des Start-ups zunächst mit Geld von Henkel, MVV Energie und RWE voran. Seit 2012 ist die 20-köpfige Firma frei von Wagniskapital. Snaidr wohnt mit seiner Frau, seinen zwei Töchtern und seiner spanischen Katze im Dachauer Hinterland.

27.09.2012 „Das ist ein Lottogewinn für einen Golfspieler“, ordnet Erwin Soutschek sein im Mai diesen Jahres geschlagenes Ass richtig ein. „Bei unserem 700 Mitglieder starken Golfclub passiert solch ein Hole-in-one einmal im Jahr. Da freut man sich, dass man das mal hingekriegt hat.“ Trotz aller Begeisterung weiß er natürlich, dass das letzten Endes reines Glück war.

Der Aufstieg seiner Firma Mikrogen war hingegen weit weniger von Glück abhängig. Seit nunmehr 24 Jahren wächst die Firma. „Organisch“, wie Soutschek betont. Geboren 1955 in Regensburg, aufgewachsen zwischen Starnberger und Tegernsee, zieht es Soutschek Mitte der Siebziger Jahre zum Studium nach München. Nach der Promotion arbeitet er als Postdoc gemeinsam mit Unternehmen wie Biotest, Boehringer und den Behringwerken an der Entwicklung diagnostischer Testsysteme auf Basis rekombinanter Antigene: „Das war damals richtig neu.“ Der Schritt zur Firmengründung 1989 war nur folgerichtig. Allerdings gestaltete sich der Anfang zäh. Die Gründungsidee war ein HIV-Test, der die Ergebnisse von Screening-Tests bestätigen sollte. Die Zulassungshürden erwiesen sich jedoch als zu hoch für das junge Unternehmen. Auch die Patentlage war ungünstig. Doch die Aufbruchstimmung hielt sich. „Wenn es nichts wird, dann muss man halt wieder an die Uni zurück“, lautete damals Soutscheks Plan B. Dass es dazu nicht kam, lag vor allem an einem Produkt. Es sorgte bereits 1992 für schwarze Zahlen im Geschäftsbericht und blieb über die Jahre hinweg der Bestseller der Firma – trotz zahlreicher („zeitweise mehr als 30“) Konkurrenten. Es ist ein Bestätigungstest für die meist durch das Bakterium Borrelia burgdorferi übertragene Lyme-Krankheit.

„Borrelien werden gerade auch für Golfspieler eine Bedrohung, wenn sich diese im Wald oder in der hohen Wiese auf die Pirsch nach dem verlorengegangenen Ball machen“, weiß Soutschek um die Gefahren seines Sports. Mitte der 80er Jahre wurde intensiv an dieser Krankheit geforscht. Da die verfügbaren Tests nicht auf spezifischen Antigenen, sondern nur auf Lysaten beruhten, war das Mikrogen-Produkt sofort ein Erfolg. Auf viele Patente gestützt, konnte die Position des Tests über die Jahre ausgebaut werden. Derzeit erzielt er mehrere Millionen Euro Umsatz. 

Mit mehr als zwanzig Jahren Verspätung folgte 2011 endlich der HIV-Test. Möglich machte dies das Auslaufen der Patente und die längst erworbene Fähigkeit, Zulassungen auch für stark regulierte Waren wie in vitro-Tests von Blutprodukten zu erlangen. Der Mikrogen-Chef ist stolz und verärgert zugleich: „Einerseits haben wir mit dem Test in Deutschland bereits Wettbewerber verdrängt. Andererseits ließen wir einen wichtigen Markt aufgrund einer Fehleinschätzung viel zu lange unbeachtet.“ Er denkt dabei an Regierungsausschreibungen. Mikrogen hätte eigentlich schon viel früher zu einem Bestätigungsdiagnostik-Komplettanbieter aufsteigen und somit dort mitbieten können. 

Ein Ärgernis ganz anderer Art befindet sich in der Nähe von Mikrogens Standort in Neuried: „Wenn Roche winkt, da wird schnell einmal jemand schwach.“ Die fachkundigen Mitarbeiter nehme man dort mit Kusshand. Wenn der Bayer dann ergänzt, dass seine Firma die ganzen 24 Jahre noch nie jemanden entlassen hat, merkt man ihm die Enttäuschung an. Jetzt sei die Fluktuationsphase aber überstanden und Mikrogen rüste sich für die Zukunft: „Es macht Spaß zu sehen, wie neue Ideen aufgehen.“ Lab-on-a-Chip für Multiparameteranalysen, ausgeklügelte Schwangerschaftstests und – ein Projekt mit der Protagen AG aus Dortmund – Autoimmunsignaturen von Borreliose-Kranken. „Wenn mir einmal die Energie ein Stück weit ausgehen sollte, dann wegen der überhandnehmenden Fixierung auf den Preis“, grantelt Soutschek. Mittlerweile seien seine Kunden zum Teil Wagniskapitalgesellschaften. Die drückten den Preis so stark, dass man sich ständig um die Profitabilität der Firma sorgt. Zum Glück kennt Soutschek ein Gegenmittel: Golf. „Da geht man wirklich fünf Stunden auf die grüne Wiese und konzentriert sich nur auf den kleinen Ball.“

Nach Biologie-Studium und -Diplom an der Ludwig-Maximilians-Universität promovierte Soutschek 1986 an der Technischen Universität in München. Das Thema der Dissertation, die Expression rekombinanter DNA in Bakterien, ließ ihn auch während seiner Postdoc-Zeit am Max von Pettenkofer-Institut nicht los und mündete schließlich in der Gründung der Mikrogen GmbH. Gemeinsam mit Manfred Motz baute Soutschek als Geschäftsführer die Firma zu einem Unternehmen mit mehr als 130 Mitarbeitern aus. Motz muss seit zwei Jahren gesundheitsbedingt kürzertreten. Soutschek sucht daher einen neuen Kompagnon im Geiste. Das gestaltet sich aber schwierig: „Es gibt nicht so viele Unternehmerpersönlichkeiten, mit denen man gern zusammenarbeiten möchte.“ Soutschek ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

29.08.2012 Es sind zwei Familien, die Thorsten Eggert ans Herz gewachsen sind. Natürlich ist da die klassische: Frau und Tochter. Doch, und das gibt er unumwunden zu, „steht sie eigentlich immer etwas zurück.“ Von Montag bis Freitag hat nämlich die andere Familie Vorrang: Evocatal.

Das Leitungstrio um Geschäftsführer Eggert, den zweiten Geschäftsführer Michael Puls und den wissenschaftlichen Leiter Christian Leggewie kennt sich schon seit Jahren. „Ich freue mich immer wieder, dass ich mit Menschen zusammenarbeiten kann, mit denen ich gern zusammen bin“, sagt Eggert. Das klingt nach Freundschaft, wenn nicht gar nach... Familie. Wenn er das unkomplizierte Miteinander auf Dienstreisen lapidar beschreibt, könnte das seine Ehefrau – wenn sie denn wollte – leicht falsch verstehen: „Mit Herrn Leggewie und Herrn Puls habe ich schon so manches Zimmer geteilt.“ Dass aber Eggerts Frau seine Leidenschaft für die eigene Firma versteht und ihn voll unterstützt, macht ihn stolz und glücklich zugleich. 

Doch nicht nur auf der Leitungsebene stimmt die Chemie. Als bei einer Lieferung eines Lohnherstellers klar wurde, dass die Qualität des Materials für eine Auslieferung an den Endkunden nicht ausreicht, wurde es kurzerhand im Dreischichtbetrieb aufbereitet, um den geforderten Spezifikationen zu genügen. Das Besondere: Die Lieferung kam an einem Freitagabend, der Versand war für den Montag darauf geplant. Für den Erfolg des Unternehmens opferte das Team wie selbstverständlich das Wochenende. Im Gespräch mit Eggert spürt man, dass er auch darauf stolz ist.

Obwohl seine akademische Karriere im Bereich Enzymoptimierung gut angelaufen war, machte sich bei Eggert eine gewisse Unzufriedenheit breit: „Ich wollte nicht einfach nur forschen, sondern am Ende auch ein fertiges Produkt in den Händen halten.“ Etliche Kooperationen mit Industriepartnern verliefen vielversprechend. Trotzdem traute sich keiner, jene neuen Enzyme auch bis zur Marktreife zu entwickeln. So war es Eggert selbst, der 2006 die Zügel in die Hand nahm. „Von der ersten Sekunde an gab es gar keinen Zweifel daran, dass unsere Geschäftsidee funktionieren würde“, so Eggert. Zunächst konzentrierte sich Evocatal allein auf maßgeschneiderte Enzyme. 2010 kam mit der enzymbasierten Produktion von Feinchemikalien ein zweites Standbein hinzu. Vater Eggert sieht seinen Spross daher keinesfalls als klassische Forschungsfirma: „Evocatal ist in erster Linie ein produzierendes Unternehmen, das in der Lage ist, die geforderten Enzyme oder Feinchemikalien auch im Tonnenmaßstab herzustellen.“ Derzeit beschäftigt Evocatal 23 Mitarbeiter. Eggert plant aber, „die Mannschaft zu vergrößern und den Vertrieb stärker zu internationalisieren.“ Für 2014 steht das Erreichen der Gewinnschwelle fest im Kalender. Momentan profitiert die Firma vom Bioökonomie-Trend. So steht sie unter anderem auch der BMBF-Forschungsallianz „Funktionalisierung von Polymeren“ vor. Hier sind zum Beispiel neue Betonzusatzmittel gefragt. Durch Enzyme sollen natürliche Polymere wie Lignine und Zellulose derart aufgewertet werden, dass sie die erdölbasierten Zusatzmittel ersetzen können. 

Man ahnt, dass sich an der Priorisierung seiner zwei Familien in den nächsten Jahren wohl kaum etwas ändern wird. Auf etwaige Hobbys angesprochen, erklärt Eggert fast etwas entschuldigend: „Dafür bleibt gerade keine Zeit.“ Eigentlich lese er sehr gern, besonders Thomas Mann hat es ihm angetan. Darüber hinaus nennt er vier Süßwasseraquarien sein Eigen. Trotzdem: „Die freie Zeit, die ich habe, versuche ich, mit meiner Familie zu verbringen.“ Man hofft, dass er damit Frau und Kind meint. Man weiß es aber nicht ganz genau.

Anfang der Siebziger in Essen geboren, Studium und Promotion in Bochum, Aufbau der Arbeitsgruppe „Directed Evolution“ in Jülich – Thorsten Eggert hat es nicht gerade hinaus in die weite Welt gezogen. Die Heimat allein formte aus dem Sohn einer Unternehmerfamilie einen erfolgreichen Wissenschaftler. Das vorläufige Ende seiner akademischen Karriere stellt seine Habilitation 2007 an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf dar. Bereits ein Jahr zuvor gründete er die Evocatal GmbH mit, deren Geschäftsführer er seitdem ist. Der Firmensitz befindet sich, wie könnte es anders sein, in der Nähe von Ruhr und Rhein im Düsseldorfer Life Science Center

14.06.2012 Ulrike Fiedler hatte Biopharma-Investor Stefan Engelhorn Ende der 1990er Jahre natürlich noch getroffen, es war zu der Zeit, als man sie fragte, ob sie bei der Neugründung Scil Proteins in Halle Geschäftsführerin werden wolle.

„Er war ein Visionär wie ich, hatte das Ziel, innovative Therapeutika zu entwickeln und eine eigene GMP-Produktionsanlage hier in Halle aufzubauen“, sagt Fiedler. „Das haben wir tatsächlich geschafft.“

Seit der Gründung im Jahr 1999 ist die heute 43-Jährige nun Geschäftsführerin bei Scil Proteins. Das Hallenser Biotech-Unternehmen ist auf die Herstellung und Entwicklung von Proteinen für Therapie und Diagnostik spezialisiert und hat sich zu einer echten Branchengröße gemausert: Mittlerweile sind mehr als 120 Mitarbeiter auf dem Weinberg Campus damit beschäftigt, die Entwicklung der eigenen Biopharmaka-Pipeline voranzubringen als auch im Kundenauftrag therapeutische Proteine in Mikroben herzustellen. Dass das „Zwei-Säulen-Modell“ bei Scil seither besteht, ist nicht zuletzt Ulrike Fiedlers Verdienst. „Mir war immer wichtig, mit dem Servicegeschäft Umsätze zu generieren und nah am Markt zu sein, gleichzeitig aber auch Innovationen in der Firma zu haben und hier Schätze heben zu können,“ so Fiedler. Die technologische Schatztruhe von Scil Proteins ist insbesondere mit den Affilin-Molekülen gefüllt, kleine und stabile Proteinmoleküle auf der Basis von humanem Ubiquitin, die sich in ihren Bindungseigenschaften für spezielle Zielmoleküle maßschneidern lassen. Damit lassen sich bestimmte Targets blockieren. Affiline eignen sich aber auch als zielgerichtete Vehikel, die man zusätzlich mit schlagkräftigen Effektormolekülen aufrüsten kann. Letzeren Ansatz verfolgt Scil etwa bei der Entwicklung seiner beiden eigenen Arzneimittelkandidaten, die in den nächsten Jahren in klinischen Studien getestet werden sollen. Geld dafür steht bereits zur Verfügung: Im vergangenen Jahr hatte der Scil Proteins-Investor, die BioNet Holding GmbH, seine Taschen geöffnet und 24 Mio. Euro gegeben. Dass das Interesse an den Affilin-Molekülen zunehmend wächst, zeigt sich auch an der im Mai verkündeten Kooperation mit dem japanischen Pharmaunternehmen Ono, für das die Hallenser nun passende Affiline zu einigen Zielmolekülen entwickeln werden.

Um Proteine drehte sich die wissenschaftliche Karriere von Fiedler schon immer. „Der Beginn war allerdings grün“, erzählt sie. Als Diplomandin und Doktorandin am Leibniz-Institut IPK in Gatersleben experimentierte die studierte Biochemikern an der Herstellung von rekombinanten Antikörpern in transgenen Pflanzen. Das Ergebnis war so vielversprechend, dass Fiedler auf dieser Basis die Firma Novoplant mitgründete. „Ein Konzept zu früh für diese Welt“, sagt Fiedler heute. Der konservative und gentechnikskeptische Markt brachte die Firma 2008 in die Insolvenz. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Forscherin längst bei Scil Proteins. Hierher hatte sie Rainer Rudolph gelotst. Der Hallenser Biochemie-Professor hatte die Basis für die Affilin-Technologie gelegt und kam bei der Suche nach Leuten für Forschung und Management  für die Firma auf seine ehemalige Arbeitsgruppenleiterin zurück. „Der Job reizte mich. Anwendungsorientiert forschen und etwas nach vorne bringen, das fand ich spannend“. Schnell wuchs die Liste der prestigeträchtigen Kunden an, 2005 kam dann der Entschluss, sich gänzlich auf die Affilin-Plattform zu konzentrieren. Und auch in das Auftragsgeschäft wurde kräftig investiert: Seit 2006 wurde eine 1.500-Liter Produktionsanlage aufgebaut, seit 2009 mit GMP-Zertifikat. Noch in diesem Jahr werden Inspektoren von FDA und EMA erwartet. Auch privat gibt es viel zu managen: Zu Hause warten vier Kinder auf Ulrike Fiedler: „Sie sind alle in der Scil-Zeit geboren, und alle mit zwei Monaten bereits in die Kinderkrippe gekommen“, sagt sie. „Überhaupt gibt es bei uns jede Menge Kinder im Unternehmen“. Aber auch an Mitarbeitern soll Scil Proteins weiter zulegen. „Ein bisschen Wachstum ist immer“.

Ulrike Fiedler wurde 1969 in Dresden geboren und studierte Biochemie in Halle an der Saale. Nach Stationen am IPK Gatersleben, an der Universität Halle und in der klinischen Forschung in Dresden gehörte sie 1999 zu den Mitgründern von Scil Proteins in Halle. Sie ist bis heute Geschäftsführerin des Biotechnologie-Unternehmens aus der Scil-Familie, das sowohl Biopharmazeutika entwickelt sowie im Auftrag produziert. Mit einem Mix aus Beharrlichkeit und klaren Visionen lenkt sie das Unternehmen und managt zudem noch eine Familie mit vier Kindern, der jüngste Spross ist 18 Monate alt. 

24.05.2012 Im Leben von Thomas Drescher kommen so manche Parallelitäten vor. Zum Beispiel wenn der leidenschaftliche Skifahrer im Parallelschwung am österreichischen Arlberg die Piste hinabjagt.

Das Geschäftsmodell der von ihm mitgegründeten Jülicher Firma DASGIP setzt auf Parallelität von Bioreaktorsystemen. Auch die Geschichte der Gründer von DASGIP weist langjährige Parallelen auf: Thomas Drescher, Matthias Arnold und Falk Schneider bilden ein Trio von Ingenieurs-Kollegen und WG-Mitbewohnern, die sich Mitte der 1980er Jahre während der Studienzeit in Aachen kennengelernt hatten: „Seitdem sind wir befreundet und unternehmerisch miteinander verbandelt“, sagt Thomas Drescher. Und das erfolgreich: Heute ist aus der 1991 gegründeten Jülicher Firma ein mittelständisches Unternehmen mit 70 Mitarbeitern geworden. Der 52-Jährige kümmert sich seither bei DASGIP um Finanzen, Vertrieb und Administration. Der Spezialanbieter für parallele Bioreaktorsysteme mit Volumina bis zu 5 Litern und die dafür nötigen Software-Lösungen hat eine US-Niederlassung in Shrewsbury und erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 13 Mio. Euro. Und seit Januar ist die Firma eine Tochter der Eppendorf AG. 

Die Produkte von DASGIP sind bei Pharmaherstellern und Biotechnologen weltweit gefragt. Sie werden im Labor eingesetzt, um zelluläre Expressionssysteme zu optimieren. Gestartet war die Firma als IT-Unternehmen. „Einige Jahre später kam dann der Quereinstieg in die Biotechnologie“, erinnert sich Drescher. Damals bekamen die Ingenieure vom Jülicher Forscher Christian Wandrey den Auftrag, eine Software für einen computergeführten Mikroben-Fütterungsautomaten zu entwickeln. „Ab da hat uns das Thema in den Bann gezogen“, sagt Drescher. Zumal dieses Projekt einen hübschen Nebeneffekt hatte: Der Prototyp wurde seinerzeit an die Bayer AG vermietet, das garantierte den Jülichern nicht nur jede Menge Feedback von industriellen Anwendern, sondern auch eine monatliche Miete von 10.000 Mark. „Das Geld haben wir dann investiert, um Wellnesscenter für Mikroorganismen und Zellkulturen weiterzuentwickeln“, sagt Drescher.

Dabei haben die Ingenieure konsequent auf moderne Mikroelektronik und Software-Entwicklung gesetzt. Und natürlich: Auf Parallelität. 4, 8, 12 oder 16 Bioreaktoren werden zusammengeschaltet und mit Software-Tools gesteuert und kontrolliert. Das Interesse der Pharma-und Biotech-Branche an den kleinen Reaktoren ist in den letzten sieben Jahren spürbar gestiegen. Für Drescher können die DASGIP-Geräte auch ihren Beitrag auf dem Weg zu einer personalisierten Medizin leisten: „Für die autologe Medikamentierung von Patienten brauche ich keine 250 Liter Bioreaktoren, sondern Einheiten für 3 bis 4 Liter“, sagt er. 

Das Geschäftsmodell ist offenbar so attraktiv, dass im Januar 2012 der Laborausrüster Eppendorf zulangte. Über finanzielle Details zur Übernahme herrscht Stillschweigen. Doch nun ist das Jülicher Unternehmen DASGIP ein Mosaikstein in einem 2.600 Mitarbeiter starken Konzern, an dessen Spitze Eppendorf-Chef Dirk Ehlers steht. „Das fühlt sich in der Summe gut an“, sagt Drescher, „jetzt können wir auf unserem Wachstumskurs nochmal mächtig Gas geben“. Für das Gründerteam sei ganz entscheidend gewesen, auch nach der Veräußerung unternehmerisch tätig zu bleiben. „Eppendorf gibt uns diese Spielräume“, unterstreicht er. Der Standort in Jülich soll sogar noch weiter wachsen, erst im vergangenen Jahr wurde die Firmenzentrale durch eine zusätzliche Produktionshalle erweitert. „Und doch wird es unter dem neuen Eppendorf-Dach auch anders“, sagt Drescher. Gerade was die Eroberung der asiatischen Märkte angeht, soll der neue Mutterkonzern einen Schub nach vorne bringen. Bisher sind die Jülicher vor allem in Europa und Nordamerika präsent. Derzeit arbeiten Drescher und sein Team vor allem auf die Achema im Juni in Frankfurt am Main hin. „Dort wird der Vorhang gelüftet. Wir präsentieren die ersten Früchte unserer Zusammenarbeit“, verspricht er.

Der waschechte Düsseldorfer, Jahrgang 1960, ist Gründer und Mitglied der Geschäftsführung beim Jülicher Bioreaktorsystem-Spezialisten DASGIP. Drescher studierte an der RWTH in Aachen Maschinenbau und promovierte auch dort. In Aachen lernte er Matthias Arnold und Falk Schneider kennen, die Anfangsbuchstaben der Nachnamen des Gründertrios formen den ersten Teil des Firmennamens. Im Januar dieses Jahres wurde das Unternehmen mit 70 Mitarbeitern von der Eppendorf AG übernommen. Drescher ist leidenschaftlicher Skifahrer und Segler und lebt mit Ehefrau und zwei Töchtern in der Nähe von Jülich. 

24.04.2012 Neben der Zellkultur widmet Bernd Frenzel seine Zeit auch sehr gern der Zigarrenkultur. Links neben seinem Schreibtisch hat der Biochrom-Chef ein gerahmtes Poster mit den berühmtesten kubanischen Zigarren aufgehängt. Da fällt der Blick auch auf die „Partagás Nr.4 aus der D-Serie“, seine Lieblingshabano.

Die genehmigt er sich gelegentlich am Wochenende in den einschlägigen Zigarrenlounges Berlins. Beim Paffen kann der 64-Jährige zufrieden auf das eigene Biotechnologie-Unternehmen mit Geschichte zurückblicken.
30 Jahre gibt es inzwischen den Medien- und Serenhersteller Biochrom im Berliner Westen. In den gerade erst modernisierten Produktionsanlagen im Stadtteil Lankwitz sind 62 Mitarbeiter beschäftigt, 15 Mio. Euro Umsatz verbuchte der Zulieferer im Jubiläumsjahr 2011. 

„Wir sind der letzte mittelständische Betrieb in Europa, ansonsten wird der Markt für Medien von US-Riesen bestimmt“, betont Frenzel. Im Katalog der Biochrom AG finden Forscher die gesamte Palette an Medien und Seren, die sie für die Kultivierung von Säugerzellen im Labor benötigen. Den Großteil des Umsatzes generiert das Unternehmen aber mit definierten Sterillösungen, die die Firma nach Kundenrezept der pharmazeutische Industrie nach GMP-Standard kredenzt. „Unser Vorteil ist, dass wir die geringe Größe in Flexibilität und Schnelligkeit umsetzen können“, so Frenzel. Biochrom profitiere von dem Trend in der Pharmaindustrie, die Medienproduktion verstärkt auszulagern. So machen sich regelmäßig LKWs von Berlin aus auf den Weg zum Kunden, an Bord ein 1.000 Liter-Container, der mit einem riesigem Plastik-Beutel ausgekleidet ist.

Was heute reibungslos läuft, ließ sich im Westberlin der 1980er Jahre deutlich holpriger an. „Da hatten wir mit 30 bis 40 Prozent Unsteriliäten zu kämpfen“, erinnert sich Frenzel. Doch dank neuer Produktionstechniken bekam man das Problem rasch in den Griff. 1981 war es Frenzel gelungen, drei Familien als Investoren mit der damals noch reichlich exotischen Idee eines Unternehmens für „biomedizinische Artikel“ zu überzeugen. Dass sie bis heute – mittlerweile in zweiter Generation– Aktionäre von Biochrom sind und seither immer hinter der Firma standen, hält der Gründer für einen enormen Glücksfall. Seinerzeit ging es dank eines eigenen Außendienstes schnell voran mit Biochrom. 1987 sorgte die Diagnostikabteilung des Unternehmens auch wissenschaftlich mit einem HIV-Antikörpertest für Schlagzeilen. „Das konnten wir allerdings nicht in einen wirtschaftlichen Erfolg ummünzen“, so Frenzel. Es kam sogar noch bitterer. Da in den Wendejahren zahlreiche Subventionen gestrichen wurden, musste die Diagnostikabteilung schließen. „Stattdessen haben wir uns auf das Kerngeschäft konzentriert und dadurch langfristig das Überleben gesichert.“

In den vergangenen Jahren war Bernd Frenzel viel in Australien und Brasilien unterwegs. Dort hat er es auf ergiebige und zuverlässige Quellen für fetales Kälberblut abgesehen. „Kälberserum wird auch künftig in der Forschung gebraucht.“ Rund 20.000 Liter Serum vertreibt Biochrom jährlich. Frenzel hatte vor allem Länder mit extensiver Rinderhaltung ins Visier genommen. In Australien und Brasilien fallen aufgrund wild lebender Herden in den Schlachthöfen viele Rinderfeten an, ihr Blut liefert das begehrte Serum. Im brasilianischen Goiânia wurde Frenzel fündig und gründete 2009 eine Biochrom-Tochter, die mittlerweile fünf Mitarbeiter zählt. „Das war eine Wahnsinnserfahrung, dort spürt man, was Bürokratie ist“, so Frenzel. Drei Jahre habe die Gründung gedauert. Das andere Extrem erlebte Frenzel im australischen Melbourne. „Hier reichte eine E-Mail, um zu gründen.“ Frenzel schwärmt von dem traumschönen Land und den riesigen Farmen. Manchmal juckt es ihn noch, dann würde er zu gern wie früher mit dem Motorrad durch die Kontinente fahren, mit seiner Frau als Sozia. „Weil es einfach sicherer ist, touren wir mittlerweile lieber mit dem Rad durch Europa“, sagt Frenzel. Um die Biochrom-Töchter will sich der „Medienunternehmer“ auch weiterhin kümmern, den Vorstandsstaffelstab in Berlin hat er an Forschungsleiterin Sabine Riekenberg weitergegeben und damit die Weichen für die Zukunft gestellt

Der gebürtige Hesse studierte Veterinärmedizin und promovierte in Tübingen über tierische Tumorviren. Nach Stationen in Hannover und München gründete er 1981 den Hersteller für Zellkultur-Medien Biochrom KG (seit 2000 AG) mit Sitz im Berliner Stadtteil Lankwitz. Seither ist der heute 64-Jährige in der Geschäftsführung des Unternehmens tätig. Auf der Suche nach Quellen für fetales Kälberserum war Zigarrenliebhaber Frenzel in den vergangenen Jahren viel in Australien und Brasilien unterwegs, wo er jeweils Biochrom-Tochterfirmen gründete. Auch familiär gesehen hat Frenzel zwei Töchter. Er lebt mit seiner Frau in Berlin. 

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