Evocatal GmbH

Thorsten Eggert: Der doppelte Familienvater
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Thorsten Eggert: Der doppelte Familienvater

29.08.2012 - Es sind zwei Familien, die Thorsten Eggert ans Herz gewachsen sind. Natürlich ist da die klassische: Frau und Tochter. Doch, und das gibt er unumwunden zu, „steht sie eigentlich immer etwas zurück.“ Von Montag bis Freitag hat nämlich die andere Familie Vorrang: Evocatal.

Das Leitungstrio um Geschäftsführer Eggert, den zweiten Geschäftsführer Michael Puls und den wissenschaftlichen Leiter Christian Leggewie kennt sich schon seit Jahren. „Ich freue mich immer wieder, dass ich mit Menschen zusammenarbeiten kann, mit denen ich gern zusammen bin“, sagt Eggert. Das klingt nach Freundschaft, wenn nicht gar nach... Familie. Wenn er das unkomplizierte Miteinander auf Dienstreisen lapidar beschreibt, könnte das seine Ehefrau – wenn sie denn wollte – leicht falsch verstehen: „Mit Herrn Leggewie und Herrn Puls habe ich schon so manches Zimmer geteilt.“ Dass aber Eggerts Frau seine Leidenschaft für die eigene Firma versteht und ihn voll unterstützt, macht ihn stolz und glücklich zugleich. 

Doch nicht nur auf der Leitungsebene stimmt die Chemie. Als bei einer Lieferung eines Lohnherstellers klar wurde, dass die Qualität des Materials für eine Auslieferung an den Endkunden nicht ausreicht, wurde es kurzerhand im Dreischichtbetrieb aufbereitet, um den geforderten Spezifikationen zu genügen. Das Besondere: Die Lieferung kam an einem Freitagabend, der Versand war für den Montag darauf geplant. Für den Erfolg des Unternehmens opferte das Team wie selbstverständlich das Wochenende. Im Gespräch mit Eggert spürt man, dass er auch darauf stolz ist.

Obwohl seine akademische Karriere im Bereich Enzymoptimierung gut angelaufen war, machte sich bei Eggert eine gewisse Unzufriedenheit breit: „Ich wollte nicht einfach nur forschen, sondern am Ende auch ein fertiges Produkt in den Händen halten.“ Etliche Kooperationen mit Industriepartnern verliefen vielversprechend. Trotzdem traute sich keiner, jene neuen Enzyme auch bis zur Marktreife zu entwickeln. So war es Eggert selbst, der 2006 die Zügel in die Hand nahm. „Von der ersten Sekunde an gab es gar keinen Zweifel daran, dass unsere Geschäftsidee funktionieren würde“, so Eggert. Zunächst konzentrierte sich Evocatal allein auf maßgeschneiderte Enzyme. 2010 kam mit der enzymbasierten Produktion von Feinchemikalien ein zweites Standbein hinzu. Vater Eggert sieht seinen Spross daher keinesfalls als klassische Forschungsfirma: „Evocatal ist in erster Linie ein produzierendes Unternehmen, das in der Lage ist, die geforderten Enzyme oder Feinchemikalien auch im Tonnenmaßstab herzustellen.“ Derzeit beschäftigt Evocatal 23 Mitarbeiter. Eggert plant aber, „die Mannschaft zu vergrößern und den Vertrieb stärker zu internationalisieren.“ Für 2014 steht das Erreichen der Gewinnschwelle fest im Kalender. Momentan profitiert die Firma vom Bioökonomie-Trend. So steht sie unter anderem auch der BMBF-Forschungsallianz „Funktionalisierung von Polymeren“ vor. Hier sind zum Beispiel neue Betonzusatzmittel gefragt. Durch Enzyme sollen natürliche Polymere wie Lignine und Zellulose derart aufgewertet werden, dass sie die erdölbasierten Zusatzmittel ersetzen können. 

Man ahnt, dass sich an der Priorisierung seiner zwei Familien in den nächsten Jahren wohl kaum etwas ändern wird. Auf etwaige Hobbys angesprochen, erklärt Eggert fast etwas entschuldigend: „Dafür bleibt gerade keine Zeit.“ Eigentlich lese er sehr gern, besonders Thomas Mann hat es ihm angetan. Darüber hinaus nennt er vier Süßwasseraquarien sein Eigen. Trotzdem: „Die freie Zeit, die ich habe, versuche ich, mit meiner Familie zu verbringen.“ Man hofft, dass er damit Frau und Kind meint. Man weiß es aber nicht ganz genau.

Anfang der Siebziger in Essen geboren, Studium und Promotion in Bochum, Aufbau der Arbeitsgruppe „Directed Evolution“ in Jülich – Thorsten Eggert hat es nicht gerade hinaus in die weite Welt gezogen. Die Heimat allein formte aus dem Sohn einer Unternehmerfamilie einen erfolgreichen Wissenschaftler. Das vorläufige Ende seiner akademischen Karriere stellt seine Habilitation 2007 an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf dar. Bereits ein Jahr zuvor gründete er die Evocatal GmbH mit, deren Geschäftsführer er seitdem ist. Der Firmensitz befindet sich, wie könnte es anders sein, in der Nähe von Ruhr und Rhein im Düsseldorfer Life Science Center

http://www.transkript.de/menschen/mensch-und-unternehmen/thorsten-eggert-evocatal-gmbh.html

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13.05.2015 Deutscher Unternehmerpreis, Science4Life Venture Cup, IDEE-Förderpreis und der Preis des Münchener Businessplanwettbewerbs – in der Gründungsphase wurde die Spherotec GmbH mit Würdigungen überhäuft: „Es hatte mit Krebs zu tun und es steckten zwei Unternehmerinnen dahinter“, versucht sich Barbara Mayer an einer Erklärung.

Spherotec GmbH

Mayer und Mitgründerin Ilona Funke malten 2006 "viele Luftschlösser in den Himmel". Ihre Erfindung versprach, sowohl die Behandlung von Krebspatienten als auch die Entwicklung von neuen Wirkstoffen zu verbessern. "Zuvor wurde die Wirksamkeit von therapeutischen Substanzen vor allem an 2D-Zellkulturen überprüft", erläutert Mayer. Mit Spherotecs Technologie konnten nun aber dreidimensionale Zellkügelchen, sogenannte Sphäroide, gezüchtet werden. Das versprach Testergebnisse, die deutlich näher an der klinischen Realität waren.

Krebsjoker hin, Frauenbonus her: "Alle Preisgelder zusammengenommen konnten wir damit immerhin zwei Jahre lang eine technische Angestellte bezahlen", erinnert sich Mayer. Auch dürfte der Wirbel den Weg zur ersten Finanzierungsrunde geebnet haben, die 2007 vom High-Tech Gründerfonds und Bayern Kapital getragen wurde. Damals wurde den zwei Frauen auch ihr augenzwinkernd als "Quotenmann" bezeichneter Finanzchef Stephan Wehselau zur Seite gestellt. Mayers Kommentar: "Eine Biologin und eine Medizinerin allein an der Spitze einer Portfoliofirma - das war den Investoren offenbar nicht ganz geheuer." Heute arbeiten bei Spherotec 11 Angestellte. 2015 werden es wohl mehr werden, denn Mayer will nach einer erfolgreichen ersten klinischen Studie nun mit einer aufwendigen Interventionsstudie zeigen: Wird bei Brustkrebspatienten das am besten geeignete Chemotherapeutikum mit Spherotecs Test ermittelt, bedeutet das einen Vorteil für die Patienten. Eine solche Studie ist Bedingung, damit der Test von den gesetzlichen Kassen erstattet wird. "Hier treibt uns der Leidensdruck der Patienten an", beschreibt Mayer die Lage. "An einem typischen Montagmorgen läutet bei uns 50 Mal das Telefon. Verzweifelte Krebspatienten, deren Freunde oder Bekannte fragen uns nach dem Test - darunter auch die 28-jährige zweifache Mutter mit einer sehr aggressiven Form von Brustkrebs. Wenn die dann fragt, wie sie sich die teure Diagnostik leisten soll, zwickt das Gewissen." Deshalb hat Spherotec kürzlich ein Wohltätigkeitsprogramm ins Leben gerufen, an dem sich jeder beteiligen und einen Test für bedürftige Krebskranke spenden kann. Während das Geschäft mit der Testung von klinischen Proben derzeit auf Selbstzahlerebene erfolgt, liefern Aufträge der Biotech- und Pharmaindustrie den Grundumsatz. Die Firmen ermitteln an den Sphäroiden das Wirkungsprofil ihrer Kandidaten.

Die zündende Idee, wie Sphäroide in Kultur gezüchtet werden können, ist deutlich älter als die Firma. Bereits 1999 hatte Mayer im Flugzeug eine Eingebung - dummerweise auf dem Weg aus dem wissenschaftlichen Exil in Kanada in die Weihnachtsferien in Deutschland. Familie und Freunde in München bekamen Mayer kaum zu Gesicht, da die ihre Idee tagelang in ihrem alten Labor überprüfte. Überhaupt: Der Freundeskreis darf nicht nachtragend sein, wenn zum Beispiel auch die fünfte Einladung zum Kochabend kurzfristig ausgeschlagen werden muss. "Zum Glück ist mein Umfeld extrem verständnisvoll", lobt Mayer lachend und schiebt gleich darauf "das größte Dankeschön an die bessere Hälfte" hinterher.

In der Folge verfeinerte Mayer ihre Technologie. Den Anstoß, diese auch zu kommerzialisieren, gab es drei Jahre später: Per Unirundbrief wurden Geschäftsideen gesucht, die in den Schubladen von Forschern ihrer Erweckung harrten. BWL-Studenten sollten damit lernen, Geschäftspläne zu entwickeln. "Dass aus diese Fingerübung einmal eine echte Firma wird ...", so richtig kann es Mayer auch heute noch nicht glauben. Damals standen den 45 Studenten übrigens neun Ideen zur Auswahl. Ganze 37 folgten Mayers Vision.

Barbara Mayers wissenschaftliche Karriere findet vor allem in München statt. Einzige Ausnahme: Nach dem Studium der Biologie, anschließender Promotion und einer kurzen Postdoc-Zeit an der LMU München geht die gebürtige Schwäbin 1998 mit einem Stipendium ans Sunnybrook Health Sciences Centre in Toronto, Kanada. Nach ihrer Rückkehr an die Isar im Jahr 2000 leitet die Biologin zunächst eine eigene Nachwuchsgruppe. Gemeinsam mit der Ärztin Ilona Funke gründet Mayer 2006 die Spherotec GmbH. In ihrer Freizeit greift die 51-Jährige zum Tennisschläger oder es zieht sie zum Wandern in die Berge.

08.04.2015 "So ein echter Selbstläufer, eine Art Cashcow, das fehlt uns noch“, räumt Arno Cordes ein. Er klingt dabei fast ein wenig verzagt. Dabei kann der Unternehmer auf nun fast 24 Jahre ASA Spezialenzyme GmbH zurückblicken.

ASA SPEZIALENZYME

Die Biotech-Konkurrenz in Deutschland hat er im Durchschnitt locker mehrfach überlebt. Klar, mit 16 Mitarbeitern und Jahresumsätzen von etwa einer Million Euro ist die Firma kein Schwergewicht. Doch Cordes hat sich mit der Herstellung von Enzymen und Bakterienkulturen erfolgreich seine Nische geschaffen.

Angefangen hat alles in der Waschküche seines Hauses: "Es geht nicht klischeehafter, es war aber so", gibt er schmunzelnd zu Protokoll. Bei der Gründung 1991 kann er preiswert auf die Ausstattung seines Ex-Brötchengebers Braunschweiger Biotechnologie GmbH zurückgreifen. Der Enzymexperte musste nach einem Verkauf an eine Schweizer Immobiliengruppe schließen. Deren Urteil: nicht innovativ genug. Cordes war zuletzt Geschäftsführer und musste den 30 Mitarbeitern kündigen. Als die Nachfrage nach den Enzymen in den folgenden Monaten aber nicht abebbte, entschloss er sich, auf eigene Faust weiterzumachen. "Auch die Bakterien- und Pilzstämme konnte ich einfach so mitnehmen", erinnert sich der Niedersachse. 1993 stellte er die ersten beiden Mitarbeiter ein. Zu den eigenentwickelten Enzymprodukten gehört zum Beispiel ein biologisches Entrostungsgel, welches vor allem in der Oldtimer-Szene gefragt ist. Neben der Enzymherstellung etablierte sich bald ein neuer Geschäftszweig: die Herstellung von Bakterienmischkulturen. "Als sich die Umsätze ab 1995 eine Zeit lang jährlich verdoppelten, wusste ich, dass es mit der Firma auch längerfristig klappen könnte", so der 59-Jährige. "In Deutschland gibt es neben uns meines Wissens nur noch eine Firma, die Bakterienkulturen in großen Mengen kommerziell herstellt", so Cordes. Das wichtigste Produkt gibt es in vielen Baumärkten zu kaufen: ein biologischer Reiniger für Gewässer. Unter der Marke des Aquarien-Spezialisten Dennerle geht die Bakterienkultur an den Endkunden, mit interessierten Kommunen spricht ASA Spezialenzyme direkt. Die in den Produkten enthaltenen Bakterien reduzieren Ammonium, Ammoniak, Nitrit und Nitrat im Gewässer und haben so bereits in etlichen deutschen Badeseen für eine gute Wasserqualität gesorgt. Die Methode gilt als deutlich schonender für das Ökosystem als das Ausbaggern des Sees, hält aber dafür nicht so lange vor.

Cordes lässt seine Firma langsam wachsen, Risikokapital sieht er kritisch: "Viele Gründer werden gedrängt, Geschäftspläne zu schreiben, die sie dann nicht umsetzen können. Als ich einmal mit Risikokapital geliebäugelt hatte, eröffneten mir ein paar sehr junge Männer, die von mir geschätzen Umsatzrenditen seien viel zu gering. Deren Vorschlag: 'Gestalten Sie doch die Zahlen etwas optimistischer!' Das konnte – und wollte – ich aber nicht." Ein paar Jahre später musste ASA nach einer Eigenbedarfskündigung nach neun Jahren in Braunschweig 2002 in den Nachbarort Wolfenbüttel ziehen, wo sich Cordes auch heute noch wohlfühlt. Wohl fühlt er sich auch zu Hause, wenn er am Klavier sitzt und komponiert. Gemeinsam mit seiner Frau arbeitet er an einer Musiktheaterproduktion mit. Sie führt Regie, er schreibt die Musik. "Alle zwei Jahre steigt eine Vorstellung. Das nächste Mal diesen Juni!" Gut möglich, dass bis dahin auch der sehnlichst erhoffte Selbstläufer gefunden ist. Der heißeste Kandidat ist derzeit eine Keratinase: "Selbst hinter Bio-Abflussreinigern steckt nur Chemie", berichtet Cordes. Dank des neuartigen Haar-weg-Enzyms könnte es bald eine echte Bio-Alternative geben. Allerdings brauchen auch diese Enzyme mindestens vier Stunden für den Job, den Chemikalien in 30 Minuten machen. "Es ist wieder ein gutes Produkt – aber wieder eines mit einem Pferdefuß. Wenn es uns gelingt, die Anwendungsdauer noch einmal deutlich zu senken, dann würde ich den Rohrreiniger in drei Jahren in den Handel bringen – notfalls auch mit Risikokapital!"

Arno Cordes

wollte eigentlich Brauereitechnologie studieren, fand das Studium dann aber zu fad und wechselte zum an der TU Berlin Ende der 70er Jahre neu eröffneten Studiengang Biotechnologie. Im Nebenfach "Brauerei und Brennerei" destillierte der Praktikant aus den angefallenen Restbieren "eine Art Whisky" für die Labormitarbeiter. Diplom- und Doktorarbeit zu Themen der Enzymtechnologie fertigte Cordes bei der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig an. Nach der Promotion 1985 arbeitete sich Cordes bei der Braunschweiger Biotechnologie GmbH zum Geschäftsführer hoch, bevor er 1991 selbst Gründer wurde. Der 59-Jährige ist verheiratet. Das Paar hat drei, inzwischen flügge gewordene Töchter.

12.03.2015 Eigentlich hat Stefan Müllner Protagen nicht gegründet. Zumindest nicht direkt. Er selbst, über Jahre von der Großindustrie geprägt, sieht sich auch nicht „als typischen Gründer“.

Protagen AG

Uneigentlich hat er jedoch mittlerweile das Denken und Handeln eines Gründers und Chefs einer Biotech-Firma verinnerlicht. Und irgendwie hat er Protagen ja doch mitgegründet.

Die Geburt der Firma erfolgte 1997. Die Forscher Helmut E. Meyer, Dorian Immler und Martin Blüggel spalteten damals den Bereich Proteinanalytik als eigene Gesellschaft bürgerlichen Rechts von der Uni Bochum ab. Das Geschäftsmodell war noch unklar, als schließlich 1999 Meyer Müllner traf und fragte, was er denn von Protagen halte. Der fackelte nicht lange und drängte seine Mitarbeit förmlich auf – und forcierte zusätzlich zur bestehenden Proteinanalytik den Aufbau der Diagnostik-Sparte. Der Fokus sollte hier insbesondere auf Autoantikörper gerichtet sein, deren charakteristische Zusammensetzung im Blut schon früh Hinweise auf die Entstehung einer Krankheit oder die Wirksamkeit einer Arznei geben kann. "VC-Investoren schwanken oft zwischen Gier und Angst", erklärt Müllner die typische deutsche Vorliebe für zweigleisige Geschäftsmodelle. "Sie wollen, dass die Firma an einem bahnbrechenden Produkt tüftelt und noch dazu beständig Umsätze erwirtschaftet, also eine Firma mit zwei Gürteln, drei Hosenträgern und Schutzhelm." Derart in Stellung gebracht war Müllner ein halbes Jahr später bei der Umwandlung in eine AG offizieller Protagen-Mitgründer. "Ich habe mich finanziell beteiligt und vor allem habe ich den ersten Geschäftsplan aufgesetzt", erläutert der Hesse seine Rolle. Sich Protagen ganz verschreiben wollte er aber nicht: "Ich habe damals in der Industrie gut verdient. Mit drei schulpflichtigen Kindern und einem frisch bezogenen Haus erschien mir der Wechsel zu einem Start-up zu riskant."

Während Protagen vom Start weg profitabel war, hatte Müllner Anfang der Nuller Jahre zu kämpfen. Sowohl als Abteilungsleiter bei Hoechst als auch als Director New Business bei Henkel war er stetig in Kontakt mit Start-ups: "Mich reizte es, junge Firmen und ihre Ideen zu fördern." 2002 schließlich wagte er den Absprung und wurde Vorstand des Wagniskapitalgebers Fundamenta Capital. "Es war der richtige Schritt - nur leider zum falschen Zeitpunkt", gibt Müllner zu. Just mit der Karrierezäsur rollte die Pleitewelle in der Biotechnologieszene an. "Bei Fundamenta hat das Haus gebrannt, aber ich habe mich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen – wie Münchhausen", lacht Müllner und fügt geläutert hinzu: "In dieser schwierigen Phase habe ich Demut gelernt – und die Fähigkeit, immer die innere Ruhe zu bewahren."

2004 war Müllner wieder im Geschäft. Aufgrund gestiegener Lizenzgebühren für wichtige Patente wurde bei Protagen das Geld knapp. Christoph Hüls, damaliger CEO von Protagen, holte daraufhin Wagniskapitalgeber an Bord. Diese setzten sich dann erfolgreich für Müllner als Vorstandsmitglied ein. Als Hüls die Firma 2008 Knall auf Fall verließ, übernahm Müllner komplett das Ruder: "Der Aufsichtsrat hat nur gesagt: Machen Sie's. Und machen Sie's gut." Müllner unterzog die Firma einer Rosskur. "Ich bin, hoffe ich, nicht als Sparbrötchen verschrien, aber ich habe alte Zöpfe abgeschnitten", so seine Einschätzung. Damals ging es Protagen nicht gut. Ein wichtiges Produkt, ein Protein-Array, war kommerziell gefloppt und einzig die Proteinanalytik hielt die Firma über Wasser. Später florierte auch das Geschäft mit den Arrays wieder, so dass 2013 die Analytiksparte sogar ausgegliedert wurde. Nachdem kleinere Wirkstoffentwickler Protagens Technologie zur Stratifizierung der Patienten eingesetzt hatten, ließ sich mit Pfizer endlich auch ein Konzern für ein großes Projekt gewinnen. Der endgültige Ritterschlag kam 2014, als Diagnostik-Pionier Qiagen entschied, Protagens Service unter Entwicklern von personalisierten Therapien zu vermarkten – und in Protagen zu investieren. Offenbar sind die Dortmunder attraktiv genug, auch ohne zusätzliche Gürtel und Hosenträger.

Stefan Müllner

bezeichnet sich als genetisch prädisponierten "Hoechster". Er wurde in der Entbindungsklinik des Chemiekonzerns geboren und hat nach Biochemie-Studium und -Promotion an der Universität Frankfurt sowie einer Postdoc-Zeit am NIH Bethesda (USA) elf Jahre für die Hoechst AG und deren Nachfolger Aventis gearbeitet. Später wechselte er zur Henkel KGaA und dem Wagniskapitalgeber Fundamenta Capital AG. Zwar gründete Müllner die Protagen AG 1999 mit, doch erst 2004 stieg er ins Management ein. Seit 2008 leitet er die Geschicke der 40 Köpfe zählenden Firma als Vorstandsvorsitzender. Der 57-Jährige ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Töchtern, lebt in der Nähe von Köln und ist bereits vier Marathons gelaufen.

12.02.2015 Hartmut Juhl spürt, jetzt ist die Zeit gekommen: „Dreizehn Jahre haben wir gebraucht, aber nun geht es richtig los.“

Indivumed GmbH

Seine 2002 gegründete Firma Indivumed zählt mittlerweile 90 Angestellte und hat gerade einen Jahresumsatz von fast sechs Millionen Euro erreicht – und somit die schwarze Null. In seiner Begeisterung vergleicht Juhl seine Firma gar mit einer schlafenden Schönheit, die jetzt aufgewacht sei. Über die Jahre hat der Hamburger Unternehmer eine Sammlung von 20.000 Tumorproben von Patienten aufgebaut und um sie herum ein Geschäft mit Dienstleistungen entwickelt. Das mag an sich nichts ungewöhnliches sein, doch Juhl will zwei Sachen richtig verstanden wissen: die Besonderheiten der Biobank und die hanseatische Mentalität. Ersteres ist schnell erzählt. „Biobanken, wie sie bisher gemacht wurden, sind relativ sinnlos“, gibt sich Juhl angriffslustig. „Die für gute Daten notwendige Qualität kann nur sichergestellt werden, wenn in kompetentes Personal investiert und das nötige Netzwerk geknüpft wird.“ Das Probensammeln im Operationssaal übernehmen bei Indivumed trainierte Fachkräfte. Diese arbeiteten die entnommene Tumorbiopsie sofort auf, wertvolle Informationen bleiben erhalten. Der Prozess ist standardisiert und somit ist die Vergleichbarkeit zwischend verschiedenen Kliniken gewährleistet. „Wir haben schon früh auf Standardisierung und Schnelligkeit geachtet und gelten nun als Referenz für eine vorbildlich geführte Biobank“, versichert der 54-Jährige.

Doch warum kann sich in Zeiten des schnellen Profits Indivumed den langen Atem leisten? „Uns war von Anfang an bewusst, dass die Idee Zeit braucht“, erinnert sich Juhl. Investoren, die den Exit nach maximal fünf Jahren suchen, kamen somit nicht in Frage. „Hier in Hamburg haben wir Geldgeber gefunden, die die lange Vision mitgetragen haben und die auch in kritischen Zeiten zu ihrem Wort standen.“ Also ganz die alte hanseatische Schule? Juhl lacht. „Ich hätte auch Investoren aus Süddeutschland willkommen geheißen – wenn sie mein Konzept mitgetragen hätten.“

Indivumed in den USA aufzubauen, war hingegen keine Option: „Finden sie dort mal jemanden, der das so halb-philantropisch finanziert!“ Der Hanseat studierte wie sein früh verstorbener Vater Medizin und war sowohl als Postdoc als auch Professor für zwei Lebensphasen in den USA. Während sein erster Sohn noch in Hamburg geboren wurde, kam der Jüngere schon an der Ostküste zur Welt. Eigentlich wollte die Familie längere Zeit in Washington bleiben, doch die hanseatischen Bande waren am Ende stärker: Als es um die Jahrtausendwende die Möglichkeit gab, zusammen mit einem befreundeten Klinikchef eine Sammlung von Dickdarmkrebsproben zu initiieren, ging Juhl zurück und ließ damit auch die akademische Welt hinter sich: „In den USA wird man mit dem unternehmerischen Denken vertraut gemacht. Mit dem Aufkommen der Idee einer Krebsdatenbank war die gedankliche Tür zur Gründung einer Firma aufgegangen – und sie ging nicht mehr zu.“ Dass es trotz der Katerstimmung nach dem unsanften Ende des Biotech-Hypes mit Indivumed vorwärts ging, lag zum Teil an Juhls intaktem Netzwerk, zum Teil auch an der finanziellen Hilfe der Stadtverwaltung. Ein betriebswirtschafliches Glanzstück war 2008 der Aufbau der Tochterfirma Inostics, die sich der blutbasierten Gendiagnostik verschrieben hatte. Nach nur drei Jahren wurde Inostics gewinnbringend an Sysmex aus Japan verkauft.

2005 erhielt Juhl übrigens den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „Visionär“. Jetzt, zehn Jahre später, scheint der Vorschusslorbeer gerechtfertigt. Indivumed sammelt derzeit US-Kapital im großen Stil. Mit neuen Kliniken soll die Biobank möglichst schnell auf 100.000 Proben anwachsen und so für Pharmakunden noch attraktiver werden. Mit dem Wachstumsschub kommt ein zweiter Geschäftsführer in die Firma. Auch dieser Schritt zeugt von Weitsicht: „Das Tempo nimmt zu, aber meine Ressourcen sind endlich. Noch hat der gefühlte Engpass der Firma nicht geschadet, aber ich möchte hier gegensteuern.“ Außerdem erhofft sich Juhl frischen Wind für die Firma: „Wenn ein Unternehmen wie eine kleine Familie über Jahre geführt wird, ist diese sehr auf diese Person ausgerichtet. Das wird irgendwann einmal zu einem Problem.“

Hartmut Juhl

Hartmut Juhl wurde in Hamburg geboren und ausgebildet. Als Postdoc ging er ans Lombardi-Forschungszentrum in Washington (USA). Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er parallel in Hamburg und Kiel als Chirurg. Auf seine Habilitation folgte 1998 der Wechsel als Professor zurück in die USA. 2001 der vorerst letzte Umzug. Im Jahr darauf gründete er in Hamburg die Indivumed GmbH, an der er auch heute noch maßgeblich beteiligt ist. Juhl lebt mit seiner Familie in Hamburg. Angesteckt von der Fußballbegeisterung seines älteren Sohnes ist er häufig im HSV-Stadion. Selbst aktiv ist er nur im Rahmen einer sonntäglichen „Herrenrunde", weshalb er montags regelmäßig etwas verbogen" in der Firma auftaucht.


18.12.2014 Wenn die Eltern, der Mann und die Studienfreunde eingespannt sind, dann kann mit Fug und Recht von einer echten Familienfirma gesprochen werden. Initiiert und dirigiert wird das Ensemble von Dagmar Köhler-Repp, die 2001 die Tierimpfstoff-Firma Ripac-Labor GmbH gegründet hatte - im Keller des Elternhauses und mit ihr selbst als einziger Angestellten.

Ripac GmbH

Ganz allein war sie allerdings doch nicht, wie sie selbst zugibt: „Ich wurde von meiner Familie extrem unterstützt.“ Köhler-Repps Vater ist Tierarzt im Ruhestand und schaut auch heute noch regelmäßig in der Firma nach dem Rechten. „Auch der Firmenname geht auf eine Beratung mit meinen Eltern und  meinem Bruder zurück“, erinnert sich die 39-Jährige. In dem Akronym sind die Erreger wichtiger Infektionskrankheiten bei Nutztieren versteckt. So steht zum Beispiel „Ri“ für Riemerella-Bakterien, die bei infizierten Enten zu zentralnervösen Störungen und damit Lahmheit und Apathie sowie zu ernsten Lungenproblemen führen.

Ripac stellt nach der Diagnose der Art und des Serotyps des Erregers sogenannte bestandsspezifische Impfstoffe her, mit denen zum Beispiel die Tiere einer Entenherde behandelt werden. Der Effekt: Sind die Eltern geimpft, weisen die Jungtiere schützende Antikörper auf und bleiben gesund. Die Infektionswelle ebbt ab. „Mein Vater hatte damals eine Lücke bei der Versorgung der Tierwirte mit derartigen Impfstoffen ausgemacht“, so Köhler-Repp. „Da mich die Selbständigkeit schon immer gereizt hat, habe ich direkt nach meinem Studium diese Nische besetzt.“ Und das ziemlich erfolgreich: Das ehemalige Ein-Frau-Unternehmen beschäftigt heute 22 Angestellte. Neben dem Schutz für Enten und andere Wasservögel entwickelt Ripac Impfstoffe für Hühner, Schweine, Kaninchen und Rinder. Besonders spannend wird es für das Team, wenn ein Tierarzt aus einem Zoo anruft. So wurden zum Beispiel schon Vakzine für Okapis, Robben und Totenkopfäffchen nachgefragt.

Zu Ripacs Kundenstamm gehören Tierbetriebe aus ganz Deutschland. Bestandsspezifische Impfstoffe müssen im Gegensatz zu klassischen, vergleichsweise unspezifischen Vakzinen kein langwieriges und teures Zulassungsverfahren durchlaufen. Das hält Entwicklungsrisiko und Kosten niedrig. Außerdem punktet Ripac mit einer schnellen Lieferung: Von der Isolierung des krankheitsauslösenden Bakteriums aus Blut, Kot oder Kadaver der Tiere bis hin zur Bereitstellung des Impfstoffs vergeht etwa ein Monat. „Vor allem die Einführung der Massenspektrometrie-gestützten Bestimmung der Bakterienart hat zu einem enormen Zeitgewinn geführt“, berichtet Köhler-Repp. „Mit dieser Methode können wir derzeit 2.200 Bakterienarten unterscheiden – und das innerhalb eines Tages.“ Ripac bedient hier einen wachsenden Markt: Aufgrund zunehmender Antibiotika-Resistenzen in der Klinik gibt es politische Bestrebungen, Resistenzbildungen durch einen reduzierten Einsatz von Antibiotika auch in der Tierhaltung zu vermeiden. „Um die in der Folge häufiger auftretenden Infektionskrankheiten bei Nutztieren zu bekämpfen, sind Impfstoffe derzeit das Mittel der Wahl. Davon profitieren wir“, erklärt Köhler-Repp den Erfolg der Firma. Dabei war die Brandenburgerin anfangs äußerst skeptisch: „Als ich begann, die ersten Ikea-Regale zu einem mikrobiologischen Labor umzufunktionieren, habe ich mir genau ein Jahr gegeben. Obwohl es später durchaus Durststrecken gab, hatte ich nie das Gefühl, dass ich das Projekt hinschmeißen müsste.“ Zwölf Jahre später schaut die Staatssekretärin des Bundeslandwirtschaftsministeriums persönlich bei Ripac vorbei, um einen millionenschweren Zuwendungsbescheid für ein Förderprojekt zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes abzugeben. Maria Flachsbarth musste dazu auch nicht in den Keller eines Einfamilienhauses gehen. Ripac residiert mittlerweile im zweiten Stock des Gründerzentrums Go:IN des Forschungscampus Potsdam-Golm.

Dagmar Köhler-Repp

Die zweifache Mutter ist in Berlin geboren, in Potsdam aufgewachsen und zur Schule gegangen. Das Biologie-Studium absolvierte sie an der Freien Universität in der Hauptstadt. Danach verzichtete Köhler-Repp auf das Anfertigen einer Doktorarbeit und gründete stattdessen die Ripac-Labor GmbH. Von 2001 bis 2006 agierte die Firma aus dem Keller des elterlichen Einfamilienhauses heraus. Auch nach dem Umzug nach Potsdam-Golm wuchs das familieneigene Unternehmen weiter beständig um zwei bis drei Mitarbeiter pro Jahr. 2014 wurde Dagmar Köhler-Repp als Brandenburgs Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann, der als Prokurist für Ripac arbeitet, und den 7 und 4 Jahre alten Kindern in Potsdam.


08.10.2014 Das Gespräch mit Roland Göhde ist für 19 Uhr angesetzt. Nach dem Abheben des Hörers wird sofort klar: Der Unternehmer wird gerade an anderer Stelle dringend gebraucht: Das vier Monate alte Töchterchen quengelt.

Partec GmbH

Göhde entschuldigt sich und nimmt die Kleine auf den Arm. Sofort kehrt Ruhe ein. „Wenn sie im Mittelpunkt ist, ist alles super“, schmunzelt Göhde. Nicht nur aufgrund der neuen Rolle als Vater befindet sich der 42-Jährige in einer Phase des Umbruchs: Vor einem Jahr wurde die Familienfirma Partec, ein 1967 von Mutter Hildegard und Vater Wolfgang gegründeter Diagnostikspezialist, an den japanischen Konzern Sysmex verkauft. Was die eine Veränderung an Zeitgewinn bringt, wird die andere wohl wieder auffressen. „Was weiterhin fehlen wird, ist Zeit zum Üben“, ahnt der Hobbymusiker. Göhde spielt Waldhorn im Collegium Musicum Münster und im Jungen Orchester Nordrhein-Westfalen. „Das Instrument gilt als schwer beherrschbar, weil die Töne gern wegkippen“, erklärt er und ergänzt, dass er es als Hornist nur so weit gebracht habe, weil das Instrument lediglich von wenigen gespielt werde: „Als Trompeter oder Flötist hätte ich das kaum geschafft!“ Diese Suche nach einer Nische, in der man glänzen kann, könnte auch eine Ursache des Erfolgs der Firma aus Münster sein. Grundlage war die Erfindung der fluoreszenzbasierten Durchflusszytometrie durch Vater Wolfgang. Zwar nutzten in den ersten Jahrzehnten vor allem die US-Firmen Becton Dickinson und Beckman Coulter das kommerzielle Potential der Technologie – vorwiegend in der klinischen Routinediagnostik –, doch Partec etablierte sich nachhaltig als Spezialist für die Analyse von Mikroorganismen und Pflanzenzellen. Der große Erfolg kam 2000 als Vater und Sohn die Schwesterfirma in Görlitz aufbauten. Die dort produzierten Geräte waren für die Immundiagnostik in Entwicklungsländern bestimmt – zur Detektion von HIV, Malaria-Plasmodien und Tuberkulose-Bakterien. Der Junior vertraute auf kompakte, robuste und einfach zu bedienende Geräte. Mittlerweile setzt Partec 4 Millionen Tests pro Jahr ab. „Wenn unsere Konkurrenten uns damals ernst genommen hätten, dann wären wir schnell wieder vom Markt verschwunden“, glaubt er. 

Aber auch so war aller Anfang „nicht immer Zuckerschlecken“. Um die Jahrtausendwende kam es besonders dick. Durch das Platzen der Börsenblase wurden auch der nicht börsennotierten Biotech-Firma in einer Art Sippenhaft die Kredite gestrichen. Eine geschäftliche Zusammenarbeit mit einem dänischen Vertriebspartner endete kurz darauf vor Gericht – einhergehend mit einem Umsatzeinbruch von 60%. Außerdem war mit dem Aufbau des neuen Standorts in Görlitz damals gerade eine für die Firma sehr hohe Investition von knapp 3 Mio. Euro angeschoben worden. Doch Vater und Sohn steuerten die Firma aus der Krise – „ohne jemandem kündigen zu müssen“. Mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 60% war die profitable Firma später unabhängig von Bankkrediten. Durch regelmäßige Reisen nach Afrika und Südasien erarbeitete sich das Gespann das für den Erfolg nötige Vertrauen der Kunden. Am Ende überzeugten aber auch Qualität und Preis: Die Überwachung des Immunstatus eines HIV-Infizierten kostet zum Beispiel dank Partecs Durchflusszytometriesystem nur noch 8 statt bisher 160 Euro im Jahr. 

Dank Sysmex stehen jetzt neue Vertriebskanäle zur Verfügung. Auch die Produktpaletten ergänzen sich „logisch und systematisch“. Göhde ist sich sicher, dass Partec auch langfristig abgesichert ist: „Mit Sysmex können wir die großen Konkurrenten in der Routinediagnostik herausfordern.“ Auf dem Weg dorthin werden in den Standort Görlitz gerade 7,5 Mio. Euro investiert. Ein positiver Nebeneffekt für Göhde persönlich: Managementverantwortung und Reisetätigkeit sind nun auf mehrere Schultern verteilt. Davon profitiert mit Sicherheit die schon längst eingeschlummerte Tochter – und vielleicht auch das vernachlässigte Horn. 

Roland  Göhde

Zeitweise arbeiteten drei von vier Kindern in der Firma der Eltern. Derzeit hält der drittgeborene Roland Göhde die Fahne hoch – neben seinem 72-jährigen Vater Wolfgang, der als Forschungschef immer noch in der Firma aktiv ist. Auch wenn Partec mittlerweile kein Familienbetrieb im eigentlichen Sinn mehr ist, die gewachsenen Strukturen und Traditionen leben auch heute noch fort. Geboren in Münster sieht sich Roland Göhde durch die ostsächsische Herkunft der Familie und den vielen Jahren als Chef der Görlitzer Firma „halb als Sachse, halb als Westfale“. Dem Abitur folgten ein Mineralogie-Studium und ausgedehnte Reisen um den Globus. Seit 1995 bekleidete er verschiedene Funktionen in der Firma. Als geschäftsführender Gesellschafter trieb er ab 2011 die Suche nach einem strategischen Partner voran. Seit dem Zusammenschluss mit Sysmex ist er Senior Managing Director. Göhde lebt mit seiner Familie in Westfalen.

11.09.2014 "Der Spagat wird in absehbarer Zeit aufgelöst werden müssen", sagt Arndt Rolfs, Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Rostock und Direktor des Albrecht-Kossel-Institutes für Neuroregeneration. Dem 55-Jährigen fiele der Abschied von der Universität schwer, denn er mache "Lehre und Forschung außerordentlich gern".

privat

Die Sirene, die verlockend ruft, hört auf den Namen Centogene. Seit Juni ist Rolfs Geschäftsführer des von ihm 2006 mitgegründeten Unternehmens, das sich auf die Charakterisierung seltener Erkrankungen spezialisiert hat. "Ich gewinne immer mehr Freude an geschäftlichen und strategischen Entscheidungen und bin jemand, der gern anpackt und gestaltet", beschreibt er seine Motivation für die Übernahme des Chefsessels. Der wurde vakant, da sich Ex-Chef Michael Schlenk nach vier Jahren – neben der Übernahme einer Aufsichtsratsposition bei Centogene – neuen Herausforderungen stellte. Berührungsängste mit der Wirtschaft hatte Rolfs nie. Seit 1991 fungiert er als Berater für Biotech-Firmen, 2001 gehörte er zu den Gründern von Arcensus AG und Genebanking AG. Beide Firmen existierten nur wenige Jahre, dann brach die Finanzierung weg. "Die Geschäftsidee der Genebanking kam von mir", erinnert sich Rolfs. "Mit der Entwicklung einer PCR-Diagnostik von Sepsis und Meningitiden waren wir schon weit vorangeschritten, als das Aus kam."

Für den Professor eine "spannende Lehre", aus der er finanziell mit einem "blauen Auge" davonkam. Bei der Gründung von Centogene sollte alles besser laufen - dieses Mal gänzlich ohne Wagniskapital. "Trotz konservativ-kaufmännischen Handelns wachsen wir um 30 bis 60% im Jahr", gibt der Inhaber stolz zu Protokoll. Centogene bedient dabei drei unterschiedliche Märkte. Brot- und Butter-Geschäft ist die klinisch-genetische Diagnostik mit dem Schwerpunkt seltene Erkrankungen. Die Grundlagen hierfür wurden schon am Kossel-Institut gelegt. Rolfs: "Centogene wurde damals auch aus einer gewissen Enttäuschung über die Unbeweglichkeit universitärer Strukturen heraus gegründet. Seitdem hat sich zum Glück vieles zum Guten geändert - insbesondere auch an meiner Alma mater in Rostock." Nach der Ausgründung gedieh die Firma prächtig. Das gesammelte Know-how im Bereich der "Rare Diseases" ermöglichte den Aufbau eines Bereichs mit Beratungsleistungen. Die dritte Stütze ist eine stetig wachsende Datenbank mit derzeit 150.000 Mutationen - laut Rolfs eine der größten der Welt: "Dank der detaillierten klinischen Beschreibungen können Erkrankungen oft auch dann identifiziert werden, wenn Ärzte nur einen Teil der Symptome beobachten." Dazu kommt: Auch die Patientenproben lagern in Rostock. Centogene sucht hier nach Biomarkern für Diagnostik oder Therapie-Monitoring. Außerdem werden Wirkstoffe in Eigenregie entwickelt.

Rolfs ist begeisterter Opernfan: "Immer, wenn ich irgendwo unterwegs bin, versuche ich, noch Karten zu ergattern." Seine Favoriten sind München und Wien: "Ich habe einmal auf die Frage nach meinen Träumen geantwortet, dass ich gern Kaiser in Wien sein würde. So könnte ich jeden Abend dort in die Oper gehen." Etwas realistischer ist da eine andere Option: in ein paar Jahren nach Wien zu ziehen. Der Anstoß für die Arbeit an seltenen Erkrankungen erfolgte übrigens am Strand. 2004 las Rolfs bei einem Familienausflug an der Ostsee einen Zeitungsartikel zu Morbus Gaucher, einer erblich bedingten Stoffwechselerkrankung. "Ich hatte vorher noch nie etwas davon gehört", erzählt der Arzt. "Am nächsten Tag wurde mir bei der Visite ein Patient mit genau jenen Symptomen vorgestellt. Den ratlosen Assistenzarzt konnte ich so im Brustton der Überzeugung mit 'Nach meiner klinischen Erfahrung könnte es Morbus Gaucher sein' verblüffen", lacht Rolfs. Nach der genetischen Analyse dauerte es keine drei Monate, bis Kollegen aus aller Welt Rolfs baten, auch ihre Fälle unter die Lupe zu nehmen. Der Stein kam ins Rollen und noch ist nicht absehbar, wann er zum Stehen kommt. Laut Rolfs beschäftigt Centogene derzeit 200 Angestellte aus 25 verschiedenen Nationen: "Darunter sind viele junge, neugierige Mitarbeiter, die den Aufbruchgedanken mittragen. Das erlebe ich als total stimulierend." Die Chancen stehen also gut, dass die Firma mit Rolfs als Vollzeitchef ihren Höhenflug fortsetzen kann.

Arndt Rolfs

Nach dem Humanmedizinstudium in Mainz und Wien zog Rolfs 1985 nach Berlin, wo er an der Freien Universität, dem Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik und dem Universitätsklinikum Rudolf Virchow arbeitete. Für die Universität Rostock ist er seit 1993 tätig. 1995 habilitierte er sich, zwei Jahre später wurde er in Rostock Professor für Neurologie und Psychiatrie. Direktor des universitären Albrecht-Kossel-Institutes für Neuroregeneration wurde Rolfs 2008. Seit 2001 tritt der Mediziner auch als Unternehmer in Erscheinung. Mitte dieses Jahres übernahm er die Geschäftsführung der von ihm gegründeten Centogene AG. Der gebürtige Rheinhesse wohnt mit seiner Frau in Berlin und pendelt nach Rostock. Rolfs ist Vater von zwei Töchtern.

17.07.2014 „Im Prinzip sind wir eine klassische Garagenfirma!“ – auch wenn es sich bei Tobias Schmidheini und seiner Microsynth AG konkret um keine Garage, sondern ein „WG-Zimmer mit IKEA-Einrichtung“ gehandelt hat.

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1989 wehte der gewisse US-amerikanische Pioniergeist durch die Straßen von Zürich, Schmidheini saugte ihn auf. Frustriert von der teuren und langwierigen Herstellung von Oligonukleotiden für die Forschung (die ansässige Hochschule produzierte sie nur alle drei Monate), begannen der Student und seine Frau in spe Denise, die kurzen Nukleotidketten einfach selbst zu synthetisieren. „Die 40.000 Schweizer Franken Gründungskapital für den Kauf der nötigen Geräte und Chemikalien kamen von Denise, meinen Eltern und mir“, erzählt er. „Parallel zur Dissertation habe ich abends und morgens in einem Extrazimmer in der Wohngemeinschaft Oligos hergestellt.“ Gleich der erste Kunde war einer von Format: Der Pharmakonzern Roche musste bis dahin seine Oligos in den USA bestellen. Der Auftrag flatterte nur drei Monate vor der Verteidigung seiner Doktorarbeit ins Haus. Was folgte, waren Nachtschichten en masse. „Für mich war das aber kein Stress, sondern die pure Freude“, kommentiert Schmidheini rückblickend. Am Ende hatte er seinen Titel in der Hand und einen zufriedenen Auftraggeber: Statt ein bis zwei Monate musste Roche nur maximal zwei Tage auf seine Oligos warten.

Obwohl Microsynth gemeinsam mit TIB Molbiol aus Berlin die erste Firma Europas war, die synthetisierte Oligos verkaufte, verlief der Anfang schleppend. Gemeinsam mit GATC Biotech aus Konstanz waren die Schweizer auch einer der Pioniere der kommerziellen DNA-Sequenzierung in Europa. Doch erst 1992 konnten die ersten zwei Mitarbeiter eingestellt werden. „Das Gefühl, dass wir uns wirklich dauerhaft auf dem Markt halten können, hatte ich nie. Eine gewisse Skepsis hat mich ständig begleitet, auch nachts“, gibt Schmidheini freimütig zu. Erst mit dem Anbau an das Firmengebäude in Balgach im Jahr 2004 stellte sich so langsam die Gewissheit ein: Wir haben es geschafft! Das Geschäftsmodell wurde im Laufe der Jahre über die Kernkompetenzen Oligosynthese und Sanger-Sequenzierungen hinaus auch auf PCR, DNA/RNA-Isolation und Next-Generation-Sequencing ausgeweitet. Außerdem greift die Branche gern auf Microsynth zurück, wenn Aufgaben ausgelagert werden sollen. „Wir können komplexe molekularbiologische Projekte wie zum Beispiel Screenings über eine Library stemmen“, erzählt Schmidheini stolz.

Auch geographisch ist die Firma gewachsen: 2012 wurde eine Außenstelle in Österreich eröffnet, 2013 mit der Übernahme der Seqlab GmbH eine Filiale in Deutschland geschaffen. Die Proben werden somit in Balgach, Wien und Göttingen bearbeitet. „Dabei ist uns auch der Umweltgedanke wichtig“, bekräftigt der Microsynth-Chef. „Proben einfliegen kommt für uns nicht in die Tüte. Wo es geht, sammeln sie Fahrradkuriere ein.“ Aus diesem Grund wird in Balgach auch immer mit geschaut, dass neue Mitarbeiter nicht zu weit von der Firma entfernt wohnen. Ein mutiger Schritt, denn Fachkräfte sind in der Ostschweiz rar. 

Mutig sind auch seine Pläne für die Zukunft der Firma: Nach 25 Jahren gibt er die Geschäftsführung im Sommer 2014 an zwei langjährige Mitarbeiter ab, wird Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung. „Ich habe miterlebt, was passiert, wenn der Chef zu lange am Ruder bleibt“, begründet er knapp seinen Ausstieg auf Raten. In Schmidheinis Familie waren alle Unternehmer: Der Großvater war Kaufmann im Textilgewerbe, der Vater Elektroingenieur. Die beiden Kinder sind erst Anfang 20 und damit für ihn noch zu jung, um die Firma zu leiten. „Die fittesten Geschäftsführer sind zwischen 35 und 50 Jahre alt. Wenn die Kinder aber später Interesse haben einzusteigen, dann können sie dies auch tun.“ Ob sie das aber auch machen? Ein Blick auf die Familiengeschichte zeigt: Bisher hat sich die jüngere Generation immer ihr eigenes Sprungbrett in die Selbständigkeit gesucht

Tobias Schmidheini

Der studierte Biologe stammt aus dem Kanton St. Gallen in der Ostschweiz. Nach seiner Doktorarbeit an der ETH Zürich über eine S. cerevisiae-Stoffwechselmutante zieht er mit seiner 1989 frisch gegründeten Firma Microsynth nach Windisch im Kanton Aargau. Schmidheini und seine Frau Denise bauen die eigentümergeführte Firma um verschiedene Dienstleistungen im Bereich der Molekulargenetik zum führenden Anbieter in der Schweiz auf. Anfang der 90er Jahre zieht die Firma in die alte Heimat des Ehepaares nach Balgach. Das Unternehmerpaar hat zwei Kinder, die perspektivisch in die Firma einsteigen könnten. In der Freizeit geht es zu Fuß oder mit dem Ski über die Alpen. Das Ehepaar schwingt sich auch gern aufs Velo. In diesem Sommer wird die deutsche Nordseeküste radelnd erkundet.

12.06.2014 Das Ehepaar Biskup und die Gründerpreis-dekorierte Diagnostik-Firma Cegat – beides hätte es mit ein wenig Pech vielleicht nie gegeben. Zwar war Saskia Biskup, geb. Huber, insgesamt zwölf Jahre in Würzburg, doch ihr zukünftiger Mann machte dort nur für ein halbes Jahr Station.

Cegat GmbH

Nach seiner Promotion arbeitete dieser als Assistent des Geschäftsführers eines dort ansässigen Medienunternehmens. In der Freizeit wollte er sich auf dem Tennisplatz ausarbeiten. „Dirk hat zielsicher meinen Tennisclub ausgesucht – und in Würzburg gibt es nicht gerade wenige Vereine“, erzählt die Unternehmerin. Der erste Spielpartner sollte dann natürlich ein Mann sein. Nur wollten die nicht mit ihm spielen: „Er hat zwölf Männer angerufen, die aber alle keine Zeit hatten. Wenn‘s denn sein muss, hat er sich dann wohl gedacht, spiele ich halt mit einer Frau. So hat das Telefon dann bei mir geklingelt.“ Nach Eigenaussage eint beim Tennis beide ein unbedingter Wille und große Ausdauer. „Es dauert lange, bis wir mal einen Ball verloren geben“, bestätigt Dirk Biskup. Auf der roten Asche wird um jeden Ball gekämpft, außerhalb des Platzes versteht man sich blendend. Aus Spielpartnern werden so bald Eheleute.

Nichtsdestotrotz behalten beide ihre Karrieren im Auge. Die Wissenschaftlerin geht nach Baltimore in den USA, der Kaufmann folgt ihr ins 150 Kilometer entfernte Berryville. „Wir haben nie versucht, unsere beruflichen Wege zielgerichtet zu synchronisieren“, versichern sie unisono. 2007 kommen sie nach Europa zurück. Die Medizinerin baut eine Arbeitsgruppe am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen auf. Der Kaufmann wird Finanzvorstand Europa bei AEG Tools. „Wir hatten nie geplant, einmal etwas beruflich gemeinsam zu machen“, gibt er zu Protokoll. Die Center for Genomics and Transcriptomics GmbH, kurz Cegat, wird schließlich 2009 geboren. Die Firma bietet molekulargenetische Analysen an. Zentral für den Erfolg sind die 2010 entwickelten sogenannten Diagnostik-Panels, mit denen sämtliche für eine Krankheit in Betracht kommenden Gene dank Next-Generation-Sequencing gleichzeitig analysiert und auf bestimmte Krankheitsbilder hin untersucht werden können. Gerade Patienten mit seltenen Leiden können die Panels – derzeit gibt es 159 – schnell Gewissheit über ihr Leiden geben. Damals waren die Tests eine absolute Neuheit, auf der ganzen Welt arbeitete nur die Emory University in den USA an einem ähnlichen Produkt. 

Ehemann Biskup hatte bei der Gründung der Firma – Cegat gehörte beiden zu gleichen Teilen – nicht die Absicht, dort eine größere Rolle zu spielen. „Ich dachte, es bleibt ein Hobby für den Abend, das auf kleiner Flamme gekocht wird.“ Doch die Firma bekommt Flügel, Anerkennungen in Form von Preisen häufen sich. Bereits im zweiten Geschäftsjahr schreibt Cegat bei einem Umsatz von 1 Mio. Euro eine schwarze Null. Jetzt liegt der Umsatz bei knapp 10 Mio. Euro und im Sommer 2014 steht der Umzug in einen eigens für Cegat konzipierten Neubau an. Derzeit arbeiten 70 Angestellte in der Firma, 2016 sollen es schon 100 sein. „Wir wachsen so schnell, dass wir ständig neue Organigramme brauchen“, lacht die Ärztin. Bei solch einer rasanten Entwicklung konnte man schon bald kaum mehr von einem Hobbyprojekt reden. „Dirk hat mich immer sehr viel zu den biologischen Hintergründen ausgefragt. Angefangen hat es bei Strandspaziergängen im Urlaub, wo ich ihm dann immer Skizzen in den Sand gezeichnet habe“, erinnert sie sich. Der Hamburger Jung arbeitet sich in die Thematik ein und gibt schließlich 2012 seinen Job bei AEG Tools auf. Mittlerweile bekommt der 43-Jährige für seine Vorträge Komplimente von ausgewiesenen Experten. Für die Zukunft hat das eingespielte Team noch viel vor. Ideen für neue Panels gibt es zuhauf, so sollen bald auch gewebespezifische Diagnostiktests angeboten werden. Außerdem steht die Expansion der Firma in die USA auf dem Plan. Und privat? „Auch hier ist eine Expansion nicht ausgeschlossen“, so das Paar geheimnisvoll. 

Saskia & Dirk Biskup

Saskia Biskup hat in Würzburg Medizin studiert und wurde dort zum Dr. rer. nat. promoviert. Später forschte sie am Institut für Humangenetik in München und an der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore. Fachärztin für Humangenetik wurde sie schließlich an der Universität Tübingen, wo sie auch ihre erste eigene Forschergruppe aufbaute. Dirk Biskup studierte BWL in Hamburg und wurde an der Universität Bielefeld promoviert. Nach leitenden Positionen bei der Bertelsmann AG und der AEG Electric Tools GmbH gründete er 2009 gemeinsam mit seiner heutigen Ehefrau in Tübingen die Cegat GmbH. Seit Anfang 2012 hält die B. Braun AG 20% der Firmenanteile.  

15.05.2014 Einen Moment lang muss Sylvia Wojczewski nachdenken. Die Frage lautete: Welche Meinung hat Joachim Engels wohl von Biospring? „Eine positive, ja, auf jeden Fall eine positive!“ Engels ist Professor am Institut für Organische Chemie an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Ohne ihn wäre die Biospring GmbH 1997 wohl nicht gegründet worden.

Biospring GmbH

„In Engels Gruppe herrschte eine kreative Atmosphäre“, erinnert sich Biospring-Chefin Wojczewski. Er hat an Oligonukleotiden gearbeitet. Außerdem gab er an der Uni Vorlesungen zur Unternehmensgründung, lud erfolgreiche Firmengründer für Vorträge ein. „Im Laufe des Studiums hatte ich ab und zu schon den Gedanken, eine Firma zu gründen. Professor Engel war so etwas wie ein Katalysator“, bilanziert Wojczewski. Offenbar aktivierte der Professor auch bei drei weiteren seiner Studenten das Unternehmergen, denn vier der sechs Gründer stammten aus seiner Forschungsgruppe.

Damals boomte die Biotech-Branche und ein Arbeitsfeld war schnell gefunden: Jeder, der molekularbiologisch gearbeitet hat, brauchte Primer zum Sequenzieren und Klonieren. Die sechs Gründer legten ihr Geld zusammen, schafften ein 30.000 Euro teures DNA-Synthesegerät an und versorgten die Kundschaft mit Oligonukleotiden. Doch nach und nach – aller Anfang benötigt Leidensfähigkeit – reduzierte sich die Zahl der Gesellschafter von sechs auf zwei. „Das hatte auch viel mit der persönlichen Lebenssituation zu tun“, so die 43-Jährige. „Am Anfang waren alle euphorisch, dann ließ sich die Firma nicht mit allen beruflichen Lebenswegen vereinbaren.“ Neben Wojczewski blieb der zwei Jahre ältere Chemiker Hüseyin Aygün mit an Deck. Der dritte Mitarbeiter wurde erst 2000 eingestellt, kurz vor dem Umzug von den Uniräumen nach Frankfurt-Fechenheim. Mittlerweile ist das Team auf 40 Personen angewachsen. Und alles dreht sich noch immer um Oligonukleotide. Allerdings spielten die klassischen Primer schon bald keine große Rolle mehr. „Wir haben schnell bemerkt, dass es einen Bedarf an modifizierten und komplex aufgebauten Oligos gibt“, erzählt Wojczewski. Qualität statt Quantität wird das Motto. Ihr Kompagnon Aygün nennt es, „eine Konditorei, die feines Backwerk herstellt“. Über die Jahre wurden die Produktionskapazitäten ausgebaut. Mittlerweile können Kunden die Oligonukleotide im Kilogrammmaßstab bestellen. In der Diagnostik reichen kleine Mengen, die großen werden in der Entwicklung von DNA- und RNA-Therapeutika gebraucht – für Tierversuche, toxikologische Untersuchungen und klinische Studien. Obwohl große Pharmafirmen zu den Kunden zählen, ist Biospring kein Hochdurchsatzunternehmen. Der Chefin zufolge dominiert immer noch die „Manufakturarbeit“. Immer mit angeschlossen: die Analytik. Während Biospring hier früher nur eigene Präparate im Blick hatte, wird nun auch im Kundenauftrag gearbeitet.

Erfolg macht Arbeit. Als Firmenchefin sind die Wochenenden nicht immer nur für die Freizeit da – Wojczewski liebt Bücher über die Frühgeschichte des Menschen –, da muss mitunter das ein oder andere erledigt werden. „Wenn einem das Spaß macht, was man tut, dann ist das aber kein Problem“, sagt sie. Trotzdem würde sie schon gern mehr Zeit haben. Für Freunde. Für Treffen mit der Familie. Bereut sie das Unternehmertum? „Ohne meckern zu wollen, aber die Firma hat wirklich viel Zeit in Anspruch genommen.“ Aber Verzicht gehört zur Selbständigkeit dazu, betont sie. Viel Arbeit, schlechte Bezahlung – die ersten Jahre zogen sich wie Kaugummi. Aber natürlich zählt etwas anderes: „Wir haben das Unternehmen von Null aufgebaut und wollten möglichst unabhängig bleiben.“ Andere Finanzierungsmodelle sind daher mittelfristig nicht angedacht, nötige Produktionserweiterungen sind aus eigener Kraft machbar. „Unsere Unabhängigkeit ist ein großer Vorteil, da wir schnell auf Markttrends reagieren können“, glaubt Wojczewski. Sie ist hartnäckig, will am Ball bleiben. Das dürfte auch ihrem ehemaligen Professor gefallen

Sylvia Wojczewski

Als echte Frankfurterin ist Sylvia Wojczewski nicht nur in Frankfurt am Main geboren. Sie ging in der Nähe zur Schule, hat hier studiert und promoviert. Noch als Doktorandin gründet sie mit fünf weiteren Gesellschaftern die Biospring GmbH. Mittlerweile besteht die Geschäftsführung nur noch aus ihr und Hüseyin Aygün. Seit dem Aufbau von GMP-Produktionskapazitäten vor zehn Jahren, kann die Firma als Allround-Dienstleister auftreten und ihre Kunden von der ersten Forschung bis in den Markt begleiten. Das Unternehmen gehört noch immer den beiden Gesellschaftern. Wojczewski ist liiert. Sie lebt mit ihrem Partner und zwei „getigerten“ Katzen – in Frankfurt.

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