Scil Proteins GmbH

Ulrike Fiedler: Bindende Kräfte
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Ulrike Fiedler: Bindende Kräfte

14.06.2012 - Ulrike Fiedler hatte Biopharma-Investor Stefan Engelhorn Ende der 1990er Jahre natürlich noch getroffen, es war zu der Zeit, als man sie fragte, ob sie bei der Neugründung Scil Proteins in Halle Geschäftsführerin werden wolle.

„Er war ein Visionär wie ich, hatte das Ziel, innovative Therapeutika zu entwickeln und eine eigene GMP-Produktionsanlage hier in Halle aufzubauen“, sagt Fiedler. „Das haben wir tatsächlich geschafft.“

Seit der Gründung im Jahr 1999 ist die heute 43-Jährige nun Geschäftsführerin bei Scil Proteins. Das Hallenser Biotech-Unternehmen ist auf die Herstellung und Entwicklung von Proteinen für Therapie und Diagnostik spezialisiert und hat sich zu einer echten Branchengröße gemausert: Mittlerweile sind mehr als 120 Mitarbeiter auf dem Weinberg Campus damit beschäftigt, die Entwicklung der eigenen Biopharmaka-Pipeline voranzubringen als auch im Kundenauftrag therapeutische Proteine in Mikroben herzustellen. Dass das „Zwei-Säulen-Modell“ bei Scil seither besteht, ist nicht zuletzt Ulrike Fiedlers Verdienst. „Mir war immer wichtig, mit dem Servicegeschäft Umsätze zu generieren und nah am Markt zu sein, gleichzeitig aber auch Innovationen in der Firma zu haben und hier Schätze heben zu können,“ so Fiedler. Die technologische Schatztruhe von Scil Proteins ist insbesondere mit den Affilin-Molekülen gefüllt, kleine und stabile Proteinmoleküle auf der Basis von humanem Ubiquitin, die sich in ihren Bindungseigenschaften für spezielle Zielmoleküle maßschneidern lassen. Damit lassen sich bestimmte Targets blockieren. Affiline eignen sich aber auch als zielgerichtete Vehikel, die man zusätzlich mit schlagkräftigen Effektormolekülen aufrüsten kann. Letzeren Ansatz verfolgt Scil etwa bei der Entwicklung seiner beiden eigenen Arzneimittelkandidaten, die in den nächsten Jahren in klinischen Studien getestet werden sollen. Geld dafür steht bereits zur Verfügung: Im vergangenen Jahr hatte der Scil Proteins-Investor, die BioNet Holding GmbH, seine Taschen geöffnet und 24 Mio. Euro gegeben. Dass das Interesse an den Affilin-Molekülen zunehmend wächst, zeigt sich auch an der im Mai verkündeten Kooperation mit dem japanischen Pharmaunternehmen Ono, für das die Hallenser nun passende Affiline zu einigen Zielmolekülen entwickeln werden.

Um Proteine drehte sich die wissenschaftliche Karriere von Fiedler schon immer. „Der Beginn war allerdings grün“, erzählt sie. Als Diplomandin und Doktorandin am Leibniz-Institut IPK in Gatersleben experimentierte die studierte Biochemikern an der Herstellung von rekombinanten Antikörpern in transgenen Pflanzen. Das Ergebnis war so vielversprechend, dass Fiedler auf dieser Basis die Firma Novoplant mitgründete. „Ein Konzept zu früh für diese Welt“, sagt Fiedler heute. Der konservative und gentechnikskeptische Markt brachte die Firma 2008 in die Insolvenz. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Forscherin längst bei Scil Proteins. Hierher hatte sie Rainer Rudolph gelotst. Der Hallenser Biochemie-Professor hatte die Basis für die Affilin-Technologie gelegt und kam bei der Suche nach Leuten für Forschung und Management  für die Firma auf seine ehemalige Arbeitsgruppenleiterin zurück. „Der Job reizte mich. Anwendungsorientiert forschen und etwas nach vorne bringen, das fand ich spannend“. Schnell wuchs die Liste der prestigeträchtigen Kunden an, 2005 kam dann der Entschluss, sich gänzlich auf die Affilin-Plattform zu konzentrieren. Und auch in das Auftragsgeschäft wurde kräftig investiert: Seit 2006 wurde eine 1.500-Liter Produktionsanlage aufgebaut, seit 2009 mit GMP-Zertifikat. Noch in diesem Jahr werden Inspektoren von FDA und EMA erwartet. Auch privat gibt es viel zu managen: Zu Hause warten vier Kinder auf Ulrike Fiedler: „Sie sind alle in der Scil-Zeit geboren, und alle mit zwei Monaten bereits in die Kinderkrippe gekommen“, sagt sie. „Überhaupt gibt es bei uns jede Menge Kinder im Unternehmen“. Aber auch an Mitarbeitern soll Scil Proteins weiter zulegen. „Ein bisschen Wachstum ist immer“.

Ulrike Fiedler wurde 1969 in Dresden geboren und studierte Biochemie in Halle an der Saale. Nach Stationen am IPK Gatersleben, an der Universität Halle und in der klinischen Forschung in Dresden gehörte sie 1999 zu den Mitgründern von Scil Proteins in Halle. Sie ist bis heute Geschäftsführerin des Biotechnologie-Unternehmens aus der Scil-Familie, das sowohl Biopharmazeutika entwickelt sowie im Auftrag produziert. Mit einem Mix aus Beharrlichkeit und klaren Visionen lenkt sie das Unternehmen und managt zudem noch eine Familie mit vier Kindern, der jüngste Spross ist 18 Monate alt. 

Artikel-Archiv

27.03.2014 Studierter Kaufmann und Chemiker aus Tradition – aber von Biotechnologie hatte Oskar Tropitzsch keinen Schimmer: "Ein guter Freund aus Israel hat mich zur Jahrtausendwende gefragt, ob wir nicht auch Materialien für die Peptidsynthese vertreiben wollen", erinnert er sich. Seine Replik damals: "Wenn du mir erklärst, was das ist, dann denke ich darüber nach."

privat

Tropitzsch hatte Mitte der 80er Jahre damit begonnen, eine reine Handelsgesellschaft aufzubauen. Die Cfm Oskar Tropitzsch GmbH besorgt chemische Spezialitäten für ihre Kunden aus der chemischen, pharmazeutischen und biotechnologischen Industrie. Sie bringt über ihre Kontakte Hersteller und Kunden zusammen und organisiert auf Wunsch darüber hinaus die Produktion der Substanzen in größeren Mengen - auch in GMP-Qualität.

Die Bedenkzeit währte jedenfalls nur kurz: Das Peptidsynthesegeschäft wurde 2001 mit der Neugründung Iris Biotech GmbH angeschoben. "Meine Tochter heißt Iris. Außerdem ist der Name über die Regenbogenhaut im Auge und die auch als Iris bezeichneten Schwertlilien fest in der Biologie verankert", erläutert Tropitzsch die Namenswahl. Aminosäurederivate, spezielle Polymere, Peptidtoxine – das Angebot hat sich von damals 20 auf 6.500 Produkte vergrößert, die Mitarbeiterzahl kletterte auf 15. Iris Biotech gehört Tropitzsch nur zur Hälfte. Die andere besitzt Thomas Bruckdorfer, der als promovierter Chemiker in der Firma auch wissenschaftlich den Hut aufhat. Tropitzsch ist hier – wie auch bei Cfm – eher für die strategische Ausrichtung der Firma zuständig. Der 69-jährige ehemalige Leichtathlet ("Diskus, Speer und Kugel") hat das Tagesgeschäft schon lange an andere abgegeben. Wie es sich für ein Familienunternehmen gehört, hat Sohn Steffen wichtige Aufgaben inne. "Wir haben das Schicksal vieler Traditionsunternehmen vermeiden können", zeigt sich der Vater stolz. "Eine Generation baut die Firma auf, eine hält sie, die dritte richtet sie zugrunde. Wir sind jetzt aber schon in der vierten Generation!" Tropitzsch weiß, wovon er spricht, hat doch seine Familie 1890 das Marktredwitzer Chemieunternehmen vom – genau! – Enkel des Gründers übernommen. 1788 gegründet, gilt die Firma als die älteste chemische Fabrik in Deutschland.

Dass auch bei Tropitzschs mit der dritten Generation hätte Schluss sein können, weiß er aber nur zu genau. Nach knapp 200 Jahren im Quecksilbergeschäft war die in der Stadtmitte gelegene "Chemische" ein Sanierungsfall ohne gleichen. "Es ist nach so vielen Jahren schwierig festzustellen, wer was wie in den Boden gebracht hat", fasst Tropitzsch rückblickend die Situation in den 80er Jahren zusammen. 200 Mio. Euro kostete die Sanierung des Geländes den Steuerzahler. Das Werk wurde 1985 geschlossen, Die Chemische Fabrik Marktredwitz AG meldete Konkurs an. Der Spiegel sprach 1988 gar von Behörden-Schlamperei, da es schon Jahre früher Anzeichen von Fehlverhalten in der Firma gegeben hätte. Tropitzsch – damals immerhin schon zehn Jahre Teilhaber der Fabrik – wurde zu einer Geldstrafe von 80.000 Mark wegen umweltgefährdender Abfallentsorgung verurteilt. Trotzdem hatte er auch damals das Gefühl, einen guten Rückhalt in der Bevölkerung und in der Chemieindustrie zu haben: "Beim Neustart hatte ich keinen Nachteil." Der Erfolg von Cfm und Iris Biotech scheint ihm Recht zu geben. Stolz verrät Tropitzsch auch seine jüngsten Pläne, wieder ein produzierendes Unternehmen aufzubauen. Seit knapp einem Jahr hat Iris Biotech mit der Iris Biotech Laboratories GmbH einen eigenen kleinen Ableger. In Willstätt nahe der Grenze zu Frankreich stellt das Start-up mittlerweile einige Produkte für den Katalog der Muttergesellschaft selbst her.

Oskar Tropitzsch

Der Neffe des ehemaligen Vorstands der Chemischen Fabrik Marktredwitz AG (CFM) studierte zunächst Betriebswirtschaft in Nürnberg und ging als Trainee in die Stahlindustrie. Danach leitete er die volkswirtschaftliche Abteilung im Vorstandsbüro der Peine-Salzgitter AG in Niedersachsen. Als der Onkel 1975 stirbt, holt Vetter Rolf ihn an Bord des Familienunternehmens. Als Miteigentümer der Firma wird Tropitzsch Ende der 80er Jahre wegen eines Umweltskandals gerichtlich verurteilt. CFM macht als "Giftgrube" bundesweit Schlagzeilen und geht in Konkurs. Tropitzsch beweist mit der Gründung der Nachfolgefirma Cfm den Willen, den Unternehmergeist der oberfränkischen Familie am Leben zu erhalten. 2001 bekommt Cfm schließlich eine Tochter, die Iris Biotech GmbH. Der zweifache Vater wohnt mit seiner Frau in Marktredwitz.

27.02.2014 Helga Rübsamen-Schaeff gärtnert gern. Beim Unkrautjäten werde der Erfolg sofort sichtbar. Außerdem liebt sie es, Häuser zu gestalten. „Ich baue alles um, was mir in die Hände kommt“, gibt die Enkelin einer Architektenfamilie lachend zu Protokoll. Nach einem Blick auf ihre Vita wird sofort klar: Auch der Infektionsforschung und dem Biotech-Gewerbe in Deutschland hat die 63-Jährige ihren Stempel aufgedrückt.

Aicuris

Am 1. März wird mit Aicuris eines der erfolgreichsten Biotech-Unternehmen in Deutschland acht Jahre alt. Als Chefin von Anfang an dabei: Rübsamen-Schaeff. Zur fälligen Feier wird es in Wuppertal der Tradition folgend wohl wieder eine Diaschau geben, eine Revue der wichtigsten Ereignisse des abgelaufenen Jahres. Ohne Zweifel wurde bei der Vorjahresfeier der Lizenzvertrag mit dem US-amerikanischen Pharmaunternehmen Merck dabei mit besonders viel Szenenapplaus bedacht. Der Wirkstoff Letermovir hatte in einer Phase IIb-Studie seine Wirksamkeit gegen das bei Transplantationen oft Probleme verursachende Zytomegalievirus unter Beweis gestellt. Eine Vorabzahlung von 110 Mio. Euro, Meilensteinzahlungen von mehr als 330 Mio. Euro und bei den einzustreichenden Verkaufstantiemen ein „sehr ordentlicher Prozentsatz“ machen den Deal zu einem der drei besten je in Biotech-Deutschland abgeschlossenen Lizenzverträge. „Vermutlich kommt 2014 noch ein weiterer Vertrag für ein anderes Projekt hinzu. Das habe ich mir zumindest fest vorgenommen“, kündigte die Schnellrednerin und -denkerin an. Bereits die Geburt der Firma stand unter einem guten Stern. Der Pharmakonzern Bayer offerierte Rübsamen im Rahmen einer Umstrukturierung die Möglichkeit, ihre Abteilung „Antiinfektiva“ als Ausgründung fortzuführen – mitsamt Mitarbeitern und 13 Wirkstoffprojekten. Anders als heute war die Erforschung von Infektionskrankheiten damals aus der Mode. „Wir glaubten aber an unsere Produkte“, erinnert sich Rübsamen. Viele Kollegen verließen mit ihr Bayer, um bei Aicuris anzuheuern. In den vergangenen Jahren wuchs die Firma von 22 auf mehr als 50 Mitarbeiter. In der Gründungsphase hatte Rübsamen das Glück der Tüchtigen. Die Gebrüder Strüngmann waren gerade dabei, einige ihrer aus dem Hexal-Verkauf eingestrichenen Millionen in spannende Biotechnologie-Projekte zu stecken. Rübsamen kannte die beiden – und Aicuris wurde deren erstes Biotech-Engagement. „Eine typische Wagniskapital-Finanzierung kam für unsere kaum entwickelte Pipeline nicht infrage. Zahlungsziele von maximal fünf Jahren hätten für uns nicht ausgereicht. Aicuris wäre ein totgeborenes Kind gewesen.“ Auftritt Andreas und Thomas Strüngmann. Als 2005 bei den Verhandlungen mit den Brüdern die Frage nach der üblichen Risikoprüfung im Raum stand, winkte der Kaufmann Thomas ab. Das brauche er nicht. Er kenne schließlich Frau Rübsamen und vertraue ihr. „Dieses Vertrauen hat mich sehr stolz gemacht“,  sagt Rübsamen, „es hat mich aber auch unter einen enormen Druck gesetzt.“

Doch Rübsamen-Schaeff hat in ihrem Leben schon mehrfach bewiesen, dass sie Druck standhalten kann. So kennt sie die Parallelbelastung von beruflichen und privaten Aufgaben. Als alleinerziehende Mutter musste sie jahrelang eine „große zeitliche Disziplin“ an den Tag legen. Alle wichtigen Dinge mussten am Tag abgearbeitet sein, damit sie abends spätestens um sieben Uhr zu Hause bei ihrem Sohn sein konnte: „Einkaufen, Kochen und Putzen musste ich aber delegieren. Man darf nicht versuchen, auch noch die perfekte Hausfrau zu sein. Außerdem – und das war sehr wichtig – hat mich meine Mutter immer unterstützt.“ Rübsamen ist mittlerweile zum zweiten Mal verheiratet. Ihr Sohn, der als kleiner Junge einmal verkündet hat, nie der Mutter nachzueifern („Das ist viel zu viel Arbeit.“) erwägt mittlerweile selbst Unternehmer zu werden.

Helga Rübsamen-Schaeff

Die Akademikerin Helga Rübsamen-Schaeff studiert Chemie in Münster, promoviert mit 24 Jahren, geht als Postdoc in die USA und wird Leiterin der Abteilung Immuntherapie eines Forschungsinstitutes in Frankfurt/Main. Mit 34 Jahren habilitiert sie sich, mit 38 wird sie Direktorin des Institutes. 1988 folgt die Ernennung zur Professorin für Virologie und Bio-chemie an der Universität Frankfurt. Die Angestellte Helga Rübsamen-Schaeff leitet ab 1994 das Virologie-Institut und ab 2001 die gesamte Antiinfektiva-Forschung der Bayer AG. Nach der Ausgründung dieses Bereiches 2006 wird Rübsamen-Schaeff schließlich Unternehmerin. Sie führt Aicuris zunächst allein, seit 2013 dann gemeinsam mit Holger Schmoll und Holger Zimmermann, die für Finanzen respektive Wissenschaft zuständig sind.

30.01.2014 Wer Ralf Dreher 1988 getroffen hat, der sah keinen Unternehmer vor sich. Anzeichen, dass er 25 Jahre später Chef und mit 74% Mehrheitseigner einer erfolgreichen Diagnostik- und Analytikfirma mit 500 Angestellten sein würde? Gab es nicht.

Der promovierte Lebensmittelchemiker räumt das auch selbst ein: „Ich war zu diesem Zeitpunkt sehr forschungsorientiert.“ Als er damals, mit der Erfahrung von bereits 35 Lebensjahren, als Forschungsleiter zu der neugegründeten R-Biopharm stieß, sollte er Produkte entwickeln. Drei Jahre später kratzte er eine halbe Million Mark zusammen, kaufte die Firma, wurde deren Geschäftsführer und formte aus ihr ein weltweit agierendes Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 100 Mio. Euro.

Doch zurück ins Jahr 1988: Axel Röhm, Chef des Kunststoffspezialisten Röhm GmbH (jetzt Evonik) , wollte sich in der Biotechnologie ausprobieren. „Die R-Biopharm war seine Spielwiese“, verrät Dreher. Unabhängig vom Konzern agierend hatte die sechsköpfige Truppe nahezu Narrenfreiheit. Es wurde für Röhm an der Immobilisierung von Enzymen an Trägermaterialien für die Lebensmittelanalytik geforscht und für die Röhm Pharma GmbH an Humandiagnostika. Als Röhm an den Chemiekonzern Hüls (jetzt Evonik) verkauft wurde, änderte sich die Situation. Hüls war allein an der Plexiglassparte interessiert. Die Freude über die „Biotech-Klitsche“ fiel überschaubar aus.

Die Auflösung stand zur Diskussion. „Das hätte mir leidgetan. Wir hatten ja drei Jahre intensiv gearbeitet.“ Dreher fand einen Ausweg: einen Management-Buyout. „Das war der einschneidendste Schritt in meiner Karriere“, resümiert er heute. Einerseits war das Risiko hoch. R-Biopharm hatte elf Mitarbeiter, schrieb bei wenig Umsatz Verluste und besaß keinen Vertrieb. Andererseits waren die Vorzeichen aber auch nicht unbedingt schlecht: „Ich musste nicht von Null anfangen. Räumlichkeiten und Anlagen waren da. Und wir hatten die ersten vier Produkte aus dem Bereich Lebensmittelanalytik im Angebot.“ Dreher wagte den Schritt – und hätte ihn beinahe bereut. 1993 begann ein zermürbender Rechtsstreit. Röhm Pharma wurde von Procter & Gamble übernommen. Knall auf Fall wurden deren Aufträge an die R-Biopharm eingestampft. „Dabei hatten wir gerade in die GMP-gerechte Produktion von Humandiagnostik-Produkten – für Röhm Pharma – investiert!“ Drehers Reaktion: „Das war heftig!“ Es folgte eine mutige Volte des R-Biopharm-Chefs: Der Außendienst von Röhm Pharma wurde abgeworben, die Produkte in Eigenregie vertrieben. Die Amerikaner intervenierten – und bekamen Recht.

Doch der Streit hatte sich über Jahre hingezogen. Die Darmstädter konnten mit neuen, erfolgreichen Produkten aufwarten. „Wir sind seit 1994 profitabel“, betont Dreher. Wachstumsraten von bis zu 40% im Jahr sprechen für sich. Das Umfeld bekommt davon nicht viel mit. „Wir sind nicht direkt verschlossen, aber wir müssen auch nicht immer im Gespräch sein“, so der 60-Jährige. Zu Akquisitionen macht die Firma häufig gar keine Pressemitteilungen. Dreher lapidar: „Davon verkaufen wir nicht einen Kit mehr.“ Mit den bekannt gewordenen finanziellen Engagements bei der Humatrix AG und der Candor Bioscience GmbH setzt R-Biopharm aber dennoch ein deutliches Zeichen, dass die Zukunft in der personalisierten Medizin liegt. 

Im Jahr 1991 hatte der frischgebackene Unternehmer die Vision, eine erfolgreiche Firma mit einem tollen Arbeitsklima aufzubauen. Die Mitarbeiter sollten viel selbst entscheiden können. Die Angst vor zwangsläufig auch auftretenden Fehlern wollte er ihnen nehmen. Ziel erreicht? "Ja, Ziel erreicht!" Aber wie das mit erfüllten Wünschen so ist: Schon bald hat man neue. "Wie lange kann ich bei dem aktuellen Wachstum der Firma diesen Geist noch bewahren?" fragt er sich jetzt. Jede neue Ebene wirkt verwässernd. "In den großen Firmen ist es gar nicht möglich, ein kreatives Klima zu pflegen", ist Dreher überzeugt. Wo ist die Grenze? Er weiß es nicht. Aber allen ist klar: Er wird diese Grenze finden und hinausschieben.

Ralf M. Dreher

Geboren 1953 in Sigmaringen auf der Schwäbischen Alb, zieht es Ralf Dreher zum Studium der Lebensmittelchemie nach Karlsruhe. In Tübingen fertigt er seine Doktorarbeit an, dann folgen zwei Jahre als Postdoc in Würzburg. Die ersten Industrieerfahrungen sammelt er als Mitarbeiter des Frankfurter Battelle-Instituts für Kernphysik, einem gemeinnützigen US-Institut für Vertragsforschung. Hier bearbeitet er ein Projekt für die Darmstädter Röhm GmbH. Als diese 1988 die Gründung der R-Biopharm lanciert, wird Dreher abgeworben. In der Biotech-Firma steigt er schnell zum Geschäftsführer auf. Seit einem Management-Buyout 1991 ist er auch Mehrheitseigner von R-Biopharm. Den Vater von vier Kindern trifft man in seiner Freizeit beim Joggen im Mühltal am Rande des Odenwaldes oder auf dem Tennisplatz des TSV Nieder-Ramstadt.

28.11.2013 Es ist Mitte der 90er Jahre und Jörg Riesmeier ist mit gerade einmal 32 Jahren zum Geschäftsführer des kleinen Start-ups Planttec gemacht worden. Am Anfang läuft nicht alles glatt und er ist "mehr als einmal" über die Haltung seiner Geschäftspartner verärgert: "Nur weil sie eine Visitenkarte mit dem Namen einer großen deutschen Firma präsentieren, haben sie die Weisheit nicht für sich gepachtet!"

Mit der Zeit verschafft sich Riesmeier Respekt - zum Teil auch durch "Tacheles reden im Hinterzimmer". Ein bisschen war der Niedersachse zu seinem Job gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Am Max-Planck-Institut (MPI) für molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam arbeitete das Team um Lothar Willmitzer auch an stark anwendungsbezogenen Projekten. Das passte nicht ins Konzept des Institutes. Abbruch oder Ausgründung? Biochemiker Riesmeier hatte bereits bei Willmitzer promoviert, folgte ihm mit 28 als Juniorgruppenleiter ans Institut für Genbiologische Forschung Berlin und arbeitete nach dessen Schließung am MPI an seiner Habilitation.

Bei einer solchen Karriere im Eiltempo war es eigentlich nur logisch, dass ihm die Leitung der neu gegründeten Planttec GmbH angetragen wurde. Riesmeier traute sich die Aufgabe zu und baute die Potsdamer Firma an der Schnittstelle von Grüner und Weißer Biotechnologie auf. 2000 wurde Planttec von Agrevo übernommen, bald darauf in Aventis Cropscience umgetauft und 2002 an die Bayer AG verkauft. Während dieser Zeit erweiterte Riesmeier den Standort auf der Insel Hermannswerder auf 70 Mitarbeiter. Ende 2003 wurde dann die Rechtsform der Firma geändert - für Riesmeier gab es damit keine adäquate Aufgabe mehr. Bayer erhielt den Standort als Bayer Bioscience bis 2008, dann wurden die Projekte in die USA und Belgien überführt und das Gewächshaus in Potsdam für immer verlassen.

Damals wurde aus einer Tendenz ein Fakt: "Die Grüne Gentechnik war in Deutschland gescheitert", sagt Riesmeier rückblickend. Er selbst ging als Fondsmanager mit seiner Familie nach Kalifornien. Eine richtige Entscheidung: "Das Flair an der Westküste war genial. Und erst das Geschäftsklima - wie für mich gemacht!" Vom Pioniergeist beflügelt, wartete die nächste Herausforderung in Boston. Von dort organisierte er den niederländischen Fonds LSP Bioventures. Das Geld kam von Syngenta, die sich so frühzeitig mit cleveren Ideen aus der Weißen Biotechnologie umgeben wollte. Mit Erfolg: Nach dem Anfangsinvestment - vermittelt durch Riesmeier - kauften die Schweizer 2012 eine Firma "irgendwo im tiefen Hinterland Floridas" für satte 113 Mio. US-Dollar. Zu diesem Zeitpunkt war Tausendsassa Riesmeier aber schon wieder zurück in Deutschland: "Ab 2008 wurde die Lage grässlich. Das Investorengeschäft hat überhaupt keinen Spaß mehr gemacht."

Wie so oft spielte ihm dann der Zufall in die Hände. Die Direvo Industrial Biotechnology (IBT) GmbH in Köln suchte gerade einen neuen Geschäftsführer. Nach dem Herauslösen der Sparte Weiße Biotechnologie aus der Direvo Biotech AG war der Pharma-Arm gerade in der Bayer AG aufgegangen. Ex-Chef Thomas von Rüden übernahm kurzzeitig das Ruder der Direvo IBT - und reaktivierte mit Riesmeier einen Kontakt aus alten Tagen. Der kannte die Firma bereits: "Wir bei LSP hatten Direvo zwar beobachtet, konnten uns aber nicht zu einem Investment durchringen." Damit wusste der frisch gebackene Chef natürlich auch, dass ihn gehörig Arbeit in Köln erwartete: "Wir haben die Firma komplett umgekrempelt." Drei Jahre später steht sie mit 30 Angestellten und zwei Hauptprodukten gut da. Die BluZy-Enzyme werten als Futtermittel verwendete Abfälle der Bioethanolproduktion auf. Die BluCon-Plattform garantiert die Umwandlung organischer Abfälle in wirtschaftlich verwertbare Einzelbausteine wie Milchsäure.

Die Riesmeiers wohnen jetzt wieder in Berlin: "Nach der Zeit in den USA wollten wir der Kinder wegen wieder auf bekanntes Terrain." Wochentags nächtigt Riesmeier in einer kleinen Mietwohnung in Köln. Die Wochenenden verbringt der laut Eigenaussage "experimentierfreudige Hobbykoch" mit seiner Frau und den sechs und elf Jahre alten Söhnen in Berlin-Zehlendorf. Obwohl sie noch nicht so recht wissen, was der Papa macht, wollen beide übrigens Erfinder werden. "Wobei sie allerdings noch stark auf Autos fixiert sind", seufzt der Vater.

Jörg Riesmeier

Wie die meisten Riesmeiers in Deutschland kommt der 48-Jährige aus dem Oldenburger Land. Geboren in Vechta, zieht es Jörg Riesmeier zum Studium nach Berlin. Es folgen Diplom, eine rekordverdächtig schnelle Promotion („Zwei Jahre und zehn Tage“) und einige akademische Positionen. 2006 ist er Mitgründer der Planttec und wird deren Geschäftsführer. Nach einem mehrjährigen Intermezzo in den USA als Fondsmanager übernimmt Riesmeier 2010 die Leitung der Direvo IBT in Köln

29.10.2013 Eine Insel im Fluss, Bootstouren, ein Festzelt, reichlich Bier und Gegrilltes - Idylle pur auf Hermannswerder in der Nähe von Postdam. So hatte die dort ansässige Biotecon Diagnostics vor wenigen Wochen ihren 15. Geburtstag gefeiert - für eine Diagnostik-Firma ein beachtliches Alter, findet Kornelia Berghof-Jäger: "Viele Firmen konnten sich in unserem Markt nicht halten."

Die Wurzeln reichen sogar noch weiter zurück. Bereits 1990 wurde der Vorgänger, die Biotecon GmbH, gegründet. Berghof-Jäger war von Anfang an dabei. Schon während ihrer Promotionszeit spielte sie mit dem Gedanken, eine Firma zu gründen. Gemeinsam mit ihrem Doktorvater Ulf Stahl und der bereits 1985 gegründeten Analyticon GmbH setzte die damals 33-Jährige die Idee schließlich auch um. Da Stahl als Professor an der TU Berlin gebunden war, startete Berghof-Jäger de facto solo. "Am Anfang war es eine One-Woman-Show. Ich habe von der Buchhaltung bis zur Forschung alles gemacht. Erst nach sechs Monaten kam der zweite Mitarbeiter", erinnert sie sich. Heute zählt der Spezialist diagnostischer Systeme zum Nachweis mikrobieller Kontaminationen knapp 70 Angestellte, und die Chefin ist froh, dass sich die Last mittlerweile verteilt: "Ich gehöre sicher nicht zu denen, die denken, dass man alles selbst am allerbesten macht."

In den ersten Jahren hatte die Firma allerdings mit einem zentralen Problem zu kämpfen: Viele Produktideen basierten auf der Polymerasekettenreaktion (PCR). Die Patentrechte dafür lagen damals beim US-Konzern Applied Biosystems - und die rückten keine Lizenzen heraus. "Wir mussten uns daher auf einen Partner verlassen, der bereits eine Lizenz besaß", erläutert die Biotecon-Chefin. Die Wahl fiel auf den Pharmariesen Roche. Laut Berghof-Jäger ein "Superunternehmen". Das Problem: Die Biotecon dreht ein kleines und Roche ein großes Rad. "Die Entwicklung ging daher nicht so schnell voran wie erhofft." Die Firma musste zwei Gänge herunterschalten. Es knirschte gehörig, aber immerhin gab es keine Entlassungen. Berghof-Jäger: "Niemand würde sich diese Zeiten heute zurückwünschen." Letztendlich bekamen die Potsdamer 2007 die eigene PCR-Lizenz. Nach der Umstellung auf Direktvertrieb wurde sofort sichtbar, dass die Märkte viel schneller erreichbar waren. Das kurze Resümee der Biotechnologin: "Auf einmal war alles gut." Heute zählen Schwergewichte wie Nestlé, Bayer oder Pfizer zu den Kunden. Zunächst war die Biotecon GmbH gemeinsam mit Analyticon unter dem Dach einer Holding. 1998 wurde das Konglomerat getrennt und die Biotecon selbst geteilt. Neben Biotecon Diagnostics mit Berghof-Jäger an der Spitze entstand Biotecon Therapeutics - mittlerweile zu Merz Pharma gehörend. Der Therapeutika-Arm war vor allem mit der Entwicklung eines Botulinumtoxin-Produkts erfolgreich, das zur Behandlung von neurologischen Störungen sowie als Anti-Falten-Mittel eingesetzt wird.

Seit Anbeginn versucht Berghof-Jäger, die Biotecon über das Tagesgeschäft zu finanzieren: "Ein Börsengang stand für mich nie ernsthaft zur Diskussion. Ich wollte die Firma schon immer langfristig aufbauen." Obwohl die PCR-Technologie bereits einige Jahre alt ist, hat der Kopf der Firma das Gefühl, dass der Markt sie erst jetzt akzeptiert: "Wir verkaufen unsere Produkte in durch und durch regulierten Märkten wie der Lebensmittel- und Pharmabranche. Die verwendeten Methoden müssen daher gerichtsfest sein, das ist das Zauberwort." In ihrer Freizeit geht Berghof-Jäger gern Tango tanzen, besucht Oper und Theater. Allerdings versucht sie auch, sich am Wochenende ein paar Ruhemomente zu bewahren: "Bei den vielen Kulturangeboten in Berlin könnte es sonst schnell passieren, dass man den Montag als Erholungstag empfindet." Auch Reisen steht bei Berghof-Jäger hoch im Kurs. Zwar gönnt sie sich als Chefin maximal zwei Wochen am Stück, das hält sie aber nicht von Zielen wie Kuba oder Argentinien ab. Einen der nachhaltigsten Eindrücke erlebte sie in Finnland: "Dort wurde in einem wunderschönen chinesischen Teehaus nicht minder wunderschön Tango getanzt!" Und wo holt sie sich die Ideen für ihre Firma? "Auf Hermannswerder! Ich setze mich einfach eine Weile auf den Steg - und die Inspirationen fließen."

Kornelia Berghof-Jäger

Die gebürtige Wolfsburgerin hat an der Technischen Universität Berlin Biotechnologie studiert und dort 1990 zum Thema "Klonierung und Expression des ß-Glucanasegens in Hefen" promoviert. Die Biotecon gründete sie mit Ulf Stahl und der Analyticon GmbH kurz darauf. Aufgrund anderer Interessen verließ Stahl die Firma 1999. Nach der Anfangszeit in Berlin-Wedding wechselte der Firmensitz 1994 nach Berlin-Charlottenburg. Erst 1997 zog die Firma nach Potsdam, wo Berghof-Jäger mit ihrem Mann mittlerweile auch wohnt.

30.09.2013 Andere mögen sich mit 65 um ihre Rosensträucher kümmern, für Karl-Heinz Drexhage stand das nie zur Diskussion. Nach einem erfolgreichen Forscherleben musste der Professor aus Siegen 1999 aus Altersgründen seinen Stuhl räumen. Doch wo ein Wille ist, geht der Weg weiter: Mit der Gründung der Atto-Tec GmbH als Hersteller organischer Farbstoffe zur Fluoreszenzmarkierung von Biomolekülen startete der heute 79-Jährige noch einmal durch – auf einer steinigen Strecke mit Höhen und Tiefen.

Drexhage wurde 1934 in Ostwestfalen geboren, wuchs später im Lipperland auf, wo er ein humanistisches  Gymnasium besuchte. Seine Leidenschaft war schon damals die Wissenschaft: „Mit 14 habe ich im Keller meiner Großeltern experimentiert – Knallen und Stinken inklusive.“ In der Chemie-Arbeitsgemeinschaft durfte sich der Knabe einmal an der Synthese von Perchlorsäure versuchen. Das wohl auch für den Lehrer aufrüttelnde Ergebnis: erschrockene Schüler und ein paar Löcher in Drexhages Sachen. „Was der Lehrer und ich damals nicht wussten: Perchlorsäure kann sich spontan zersetzen“, so der Tüftler. 1964 schließt er seine Promotion bei Hans Kuhn ab. Dessen Vorliebe für bunte Substanzen färbt auch auf den Zögling ab. „Einfache Synthesen wie die von Methylenblau oder Kristallviolett hatte ich bereits in meinem Kellerlabor gemacht, doch Kuhn hat mir gezeigt, dass es auf dem Gebiet der Farbstoffchemie noch viel zu entdecken gibt“, erläutert Drexhage. In den USA, im IBM Forschungslabor im kalifornischen San Jose und bei Eastman-Kodak in Rochester im Bundesstaat New York, kann der Farbstoffexperte sein Wissen in einem Industrieumfeld vertiefen: „Das Hauptgewicht lag bei Kodak zwar auf anwendungsorientierter Forschung, aber kleine Nebenprojekte ohne direkten Nutzen für die Firma wurden geduldet.“ Erst 1978 kehrt Drexhage mit seiner Familie zurück nach Deutschland, wo er als Professor für Physikalische Chemie an der Universität Siegen anheuert. Dort wirkt er bis zu seiner Emeritierung vor vierzehn Jahren. 

Dann beginnt das große Abenteuer Atto-Tec. „Der Anfang war alles andere als Friede, Freude, Eierkuchen“, räumt Drexhage ein. Die Raumsituation musste mit der Universität geklärt werden und die Ausrichtung der Firma war zunächst unklar. Während das erste Problem schnell geklärt werden konnte – die Firma belegt noch heute ein paar Zimmer eines Hochschulgebäudes – zog sich das zweite über mehrere Jahre hin. „Die Zusammensetzung der Gesellschafter war nicht glücklich gewählt“, glaubt Drexhage rückblickend. Außer ihm sind von den vier Gründern noch Markus Sauer und Jürgen Wolfrum dabei. Aktiv tätig ist aber allein Drexhage. Der erste Geschäftsführer, Mitgründer Christoph Zander, setzte zu Anfang vor allem auf die Entwicklung von Biochips. Ein schwieriges Unterfangen, da das Know-how diesbezüglich in Siegen begrenzt war. Die Folge waren rote Zahlen. Zander verließ Atto-Tec 2004, die Firma konzentrierte sich auf das Kerngeschäft – die Synthese von Fluoreszenzfarbstoffen. Doch trotz eines engagierten Teams mit der Synthese-Expertin Jutta Arden-Jacob an der Spitze zog das Geschäft nur schleppend an. Als drei Jahre später das einzige in der
Firma steckende Wagniskapital – eine Million Euro – abgezogen werden sollte, wurde die Luft dünn. „Um die Insolvenz abzuwenden, musste ich eine beträchtliche Summe an privatem Geld einsetzen", so Drexhage. Auch wenn seine Kinder diesen Schritt nie so recht verstanden haben, er wusste immer seine Frau an seiner Seite. Mit ihr verbindet ihn auch ein Hobby aus Marburger Tagen, der Orientierungslauf. „Meine Frau ist gut im Orientieren, mir liegt eher das Läuferische“, lautet seine Einschätzung. Bis vor sechs Jahren nahm Drexhage noch an Wettkämpfen teil. Auch wenn er in den vergangenen Jahren immer langsamer geworden sei, so legt der leidenschaftliche Forscher Wert darauf, regelmäßig zu trainieren. „Noch bin ich fit!“ – Mit dieser Ansage ist auch klar, dass er nicht daran denkt, sich aus der Firma zurückzuziehen. „Warum soll ich aufhören, wenn mir die Arbeit noch Freude macht?“

Karl-Heinz Drexhage

Der 79-jährige Westfale ist emeritierter Professor für Physikalische Chemie. In Marburg studiert er Chemie und Physik – und wird  dort nach der Promotion mit einer Arbeit zu monomolekularen Farbstoffschichten habilitiert. Nach zwei Jahren als Oberassistent und Privatdozent an der Universität Marburg geht er mit seiner Frau für zehn Jahre in die USA. Zurück in Deutschland tritt Drexhage wieder in die akademische Welt ein. Die 1999 von ihm mitgegründete Atto-Tec GmbH in Siegen ist ein mittlerweile weithin bekannter Farbstoff-Anbieter, der derzeit 15 Mitarbeiter beschäftigt. Drexhage gehören 70% der Firmenanteile. Der Vater einer Tochter und eines Sohns – und Großvater von sechs Enkeln – lebt mit seiner Frau in Siegen. 

05.09.2013 Am Anfang waren es Prallbrecher für das Berliner Umland, grobschlächtige Maschinen zum Zerkleinern von Beton aus abgerissenen Platten- und Industriebauten der eben untergegangenen DDR. Andreas Eckert kam nach dem Fall der Mauer aus den Vereinigten Staaten zurück nach Deutschland.

Andreas Eckert kam nach dem Fall der Mauer aus den Vereinigten Staaten zurück nach Deutschland. Im Gepäck: der Wunsch, etwas aufzuziehen. "Ich bin in Sachen Unternehmertum amerikanisiert worden", sagt der heute 53-Jährige. Und das hieß: "Jetzt musst du gründen!" So befasst sich die Eckert Wagniskapital GmbH (EWK) seit 1990 mit den Geschäfts- und Finanzierungsplänen anderer. Zum Beispiel wie ein paar Prallbrecher finanziert werden könnten. Eckert fand eine Lösung für dieses Problem - und noch für etliche andere. "Am Anfang habe ich viel mit Ostdeutschen gemacht, die aus dem Wissenschaftssystem herausgefallen sind", erzählt Eckert aus den Anfangstagen der EWK. "Die sind ein bisschen zur Selbständigkeit gezwungen worden."

Einer dieser unternehmungslustigen Ostdeutschen war Jürgen Ziegler. Mit ihm gründete er 1992 die BEBIG Isotopentechnik und Umweltdiagnostik GmbH, die mit der Verarbeitung von Radioisotopen sowie der Entwicklung, Herstellung und dem Vertrieb von isotopentechnischen Komponenten und medizintechnischen Geräten Geld verdient. Eckert schreibt für seine Kunden zunächst nur die Geschäftspläne, später beteiligt er sich selbst mit an der Finanzierung - wie bei der BEBIG GmbH. Das Prozedere ist immer ähnlich: "Man setzt sich hin und rechnet alles durch, macht Konzepte. Dann sucht man sich die Leute. Am Ende fährt man zu Ikea, kauft drei Tische und fertig ist die Firma." Auch wenn BEBIG - in der Zwischenzeit in die Eckert & Ziegler Strahlen- und Medizintechnik AG umgewandelt - mit einem Jahresumsatz von mehr als 120 Mio. Euro die umsatzstärkste Unternehmung Eckerts ist, kann sich auch das restliche Portfolio seiner EWK sehen lassen. Insbesondere die Biotechnologie hat es ihm angetan: Glycotope (gegründet 2001), Avitop (2009), Octreopharm (2011) ... In den vergangenen beiden Jahren kamen noch vier weitere Neugründungen im Bereich der Gesundheitswirtschaft hinzu. Die meisten seiner Projekte waren nach eigener Aussage Erfolge. "Bis auf zwei, drei Ausfälle stehen die meisten Firmen noch", stellt er klar. Dem Seriengründer ist dennoch bewusst, dass ein Restrisiko bleibt: "Ich kann die Hausaufgaben machen und dumme Fehler vermeiden. Ob es klappt, ist dann aber immer noch nicht sicher."

Der in West-Berlin geborene Eckert hat Philosophie in Heidelberg, New York und Berlin studiert. Sein erster Job: Theaterkritiker für die Deutsche Presse-Agentur. "Zadek, Stein, Bondy - ich war bei jeder Premiere in Berlin dabei. In Sachen Kultur war West-Berlin damals ein Eldorado. Geld spielte keine Rolle. Das kam aus dem Wasserhahn", schwelgt er in Erinnerungen. Und heute? "Kein Theater mehr. Alles zu seiner Zeit." Bei der Wahl des Studiums war er seinem "Herzen gefolgt". Und Eckert folgte seinem Herzen noch ein weiteres Mal, als seine amerikanische Freundin ihn vor die Entscheidung "It's me or Germany" stellte. In New York arbeitete er dann sieben Jahre als Information Officer für die UN, reiste nach Afrika, Asien und Lateinamerika. Dann wurde Eckert 30. "In meiner Generation war in diesem Alter Vorstandsassistent bei Daimler das höchste, was man in Deutschland erreichen konnte. In den Augen eines 30-jährigen Amerikaners waren Sie in einer ähnlichen Position bei Chrysler ein Versager." Den Gründergeist der USA hatte er mit jeder Pore aufgesaugt. Seine Unternehmerkarriere wollte der Berliner dort jedoch unter keinen Umständen beginnen: "Als Ausländer - auch als Deutscher - hat man dort immer ein Handicap!" Kultur und Mentalität sprachen klar für Deutschland - und natürlich der Bedarf an Prallbrechern.

Andreas Eckert

Als einen „kaufmännischen Paradiesvogel“ bezeichnete die Berliner Zeitung Eckert 2009. Der gebürtige Spandauer promovierte nach seiner Rückkehr aus den USA 1990 in Heidelberg über Steuerungs- und Managementprobleme im Verband der Vereinten Nationen. Gleich darauf gründete er mit der Eckert Wagniskapital und Frühphasenfinanzierung GmbH (EWK) seine erste Firma. Aus einer Art Schreibagentur für Geschäftspläne hat sich im Laufe der Jahre ein überregional bekanntes Finanzierungsunternehmen mit derzeit sechs Mitarbeitern entwickelt. Die Firma ist komplett in Familienbesitz. Unter den vielen von der EWK betreuten Gründungen ist die börsennotierte Eckert & Ziegler AG die bekannteste und erfolgreichste. Andreas Eckert lebt nördlich von Berlin, ist verheiratet und hat sechs Kinder.

04.07.2013 Valentin Kahl hat den Gründergeist in die Wiege gelegt bekommen: "Mein Großvater hat eine recht große Firma gehabt. Weltwirtschaftskrise, Neuanfang nach 1945 - ich kann mich immer noch an seine Geschichten erinnern."

Auch Kahls Vater ist unternehmerisch aktiv, so dass es zunächst verwundern mag, dass es den Rheinländer (Ich versuche, so oft wie es geht, in Köln beim Karneval zu sein!") in die Wissenschaft zog. Studium der Physik in Heidelberg, Promotion in Biophysik in München. Dann bricht sich aber endlich der Unternehmer in ihm die Bahn: "Noch als Doktorand habe ich festgestellt, dass es auf dem Markt keinen Kunststoff gibt, der die gleichen optischen Eigenschaften hat wie Glas - und dazu noch besser strukturierbar und verarbeitbar ist." Schon bald ist Kahl neben Roman Zantl die treibende Kraft bei der Suche nach einem geeigneten Material. "Am Ende wurden wir in der Flachbildschirmindustrie fündig", erläutert er. Die beiden war sich sofort sicher, dass diese Entdeckung für eine Firmengründung ausreicht. Bei einem der zahlreichen Businessplan-Wettbewerbe stellen sie fest, dass dort "durchaus auch merkwürdige Ideen vorgestellt - und bejubelt werden."

Der Glasersatz aus Kunststoff kommt ihnen im Vergleich dazu handfest vor. "Wenn es uns gelingt, dass jeder, der ein Deckglas benutzt, einmal auf unsere Produkte umschwenkt, dann steht uns ein riesiger Markt offen", so die Hoffnung der Doktoranden damals. Kunststoff ist für die Mikroskopie lebender Zellen besser als Glas, weil diese darauf besser kultiviert werden können. Glas ist zu glatt. Auf den Kunststoffen hingegen könne man "Wohlfühloberflächen" schaffen. Die Gründer in spe trafen einen Nerv: "Wir hatten kaum den Businessplan fertig und schon meldeten die ersten Investoren Interesse an", so Kahl. Er solle doch bitte die Promotion abbrechen und direkt mit der Firma anfangen, schlägt es ihm entgegen. Die beiden Forscher entscheiden sich dagegen, machen ihren Doktor - und haben Glück. "Wir sind gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Die Finanzierung der ibidi fand quasi parellel zum Platzen der New-Economy-Blase im Dezember 2001 statt." Insgesamt waren es vier Gründer. Neben Kahl und Zantl gehörten noch Mitdoktorand Ulf Rädler, der ebenfalls noch bei ibidi arbeitet, und der LMU-Professor Joachim Rädler zum Gespann. Diese halten zusammen etwa 15% der Anteile an der Firma, das Duo Kahl/Zantl kontrolliert mehr als 50%. "Bei den wichtigen Entscheidungen setzen der Herr Zantl und ich uns immer zusammen." Die Doppelspitze harmoniert, und aus der gemeinsamen Gründerbegeisterung entsteht im Laufe der Jahre auch eine Freundschaft. Etwas entschuldigend gesteht der Physiker: "Wenn wir mit unseren Familien abends zusammensitzen, dann finden wir selten andere Themen als die Firma." Er schätzt sich glücklich, dass seine Frau das akzeptiert. "Sonst würde das gar nicht funktionieren." Ibidi wächst von Anfang an. Stetig und ohne ernsthafte Rückschläge. "Und das mit Einmalprodukten!" entfährt es Kahl. "Wenn man darüber nachdenkt, war das eigentlich eine abwegige Idee. Das wäre doch eine Sache für Mittelständler gewesen - nicht für ein Start-up!" Derzeit arbeiten 38 Angestellte in der Martinsrieder Firma, viele davon in Teilzeitmodellen - "der Familien wegen".

In seiner Freizeit zieht es Kahl, der selbst zweifacher Vater ist, in die Berge: "Im Winter gehen wir mit unseren Kindern Ski fahren, im Sommer wandern." Bei einem seit einigen Jahren auf dem Martinsrieder Campus stattfindenden Bolzwettstreit greift er aber nicht aktiv ins Geschehen ein: "Herr Zantl spielt mit. Ich mach den Jogi Löw. Mit meinen Blutgrätschen würde ich nur den Hass aller Mannschaften auf mich ziehen." Mit dieser Selbsteinschätzung ist der "ibidi-Jogi" in der Tat gut beraten, sich nicht einzuwechseln. Auch wenn es bislang nur zu hinteren Plazierungen gereicht hat, zumindest der Fairnesspokal ging 2011 und 2012 an ibidi.

Valentin Kahl

Der gebürtige Kölner zog Anfang der 90er zum Physik-Studium nach Heidelberg. Mit dem Wunsch, in Biophysik zu promovieren, wechselte er dann an den LMU-Lehrstuhl von Erich Sackmann. 2001 folgte dort die Dissertation über „Membrangestützte Mikroelektrophoresen“. Im Anschluss widmete sich Kahl dann ganz dem Aufbau der ibidi GmbH. Zuerst hat ibidi polymerbasierte Flusskammern verkauft – unter eigenem Namen und für andere Laborbedarfshersteller. Ausgehend von dieser mit Schutzrechten abgesicherten Heimatbasis kamen dann Anwendungen wie Assays für Chemotaxis, Angiogenese und Zellmigration hinzu. Mit dem Verkauf von Reagenzien soll in Zukunft der Wandel zu einem Systemanbieter abgeschlossen werden. Derzeit sind noch 65% der Firma in Gründerhand. Kahl lebt mit seiner Familie in München.

30.05.2013 Jetzt erst recht! Der erste Businessplan-Wettbewerb war grandios missglückt. „Wir sind nicht einmal in die Endrunde gekommen!“ klagt Holger Eickhoff.

Doch der Ehrgeiz des Ex-Leistungssportlers war geweckt. Der Plan wurde umgeschrieben, der Name der Firma in spe geändert. Scienion. Eine Mischung aus Science und Vision, wie er erklärt. Ob wegen des neuen Geschäftsmodells oder vielleicht des Namens – in einem zweiten Anlauf beim Innovationspreis Berlin-Brandenburg wurde gleich der Sieg geholt. Im Frühjahr 2001 folgte die Gründung der Firma als AG. Die treibenden Kräfte waren Eickhoff und Martin Horn, der auch heute noch als einziger der Gründer neben Eickhoff bei Scienion arbeitet. Das damalige Sechsergespann bestand aus Wissenschaftlern, Technikern und Betriebswirtschaftern, die meisten aus dem Umfeld des Max-Planck-Institutes für molekulare Genetik. Das Institut war zu jener Zeit ein Mittelpunkt der Genomforschung. Die Aufbruchstimmung konnte an der Zahl der Start-ups abgelesen werden. „Wir haben hier im Sommer immer gegen andere Biotech-Unternehmen Fußball gespielt. Die meisten davon sind jedoch unterwegs abhandengekommen.“ Wenn man den den 47-Jährigen hört, dann klingt das vor allem nach einem Ärgernis: „Im Foyer steht ein Pokal für einen zweiten Platz.“ Eine Chance, ganz nach vorn zu rücken, ist derzeit mangels Wettbewerbern nicht in Sicht.

Die Geschäftsidee Scienions basierte zunächst auf Biochips. „Wir konnten im Gegensatz zu Start-ups der Pharmawelt potentiellen Geldgebern nie eine große Vision auftischen. Wenn ich eine solche erzählt hätte, dann wäre sie erlogen gewesen.“ Dennoch klaubten die Jungunternehmer mit ihrem Geschäftskonzept auch nach dem Platzen der New Economy-Blase 6 Mio. Euro zusammen. Davon versenkten sie aber gleich in den ersten Jahren mehrere. „Wir waren Kopf an Kopf mit Firmen wie Agilent und Affymetrix – und haben uns eine blutige Nase geholt. Wir haben unsere fertigen Produkte nicht in den Markt gekriegt“, gibt der promovierte Biologe zu. Bei der fälligen Reorganisation 2003 mussten Kündigungen verschickt werden. Dabei lag die Lösung auf dem Tisch: „Statt über die Chips zu reden, wollten die Leute, die zu uns in die Firma gekommen sind, eher über die Produktionstechnik dahinter reden – und wollten diese kaufen. Das erste Dutzend haben wir noch weggeschickt.“ Derzeit steht das Verhältnis pari. Die einen Kunden kaufen Instrumente, die anderen lassen ihre Biochips – sei es auf Protein- oder Nukleotidbasis – von Scienion herstellen. 

Eickhoff stammt aus der Nähe von Bremen und ist dort noch immer verwurzelt. Der zweifache Vater erlebt Berlin daher nur als Firmenchef: „Montagmorgen komme ich in Berlin an, Freitagabend bin ich wieder weg. In dieser Zeit bin ich ausschließlich für die Firma da.“ Viel Zeit für sein Hobby bleibt nicht. Bis 1990 betrieb Eickhoff Schwimmen als Leistungssport. Dann reduzierte der Lagenspezialist das Pensum auf eine Einheit pro Tag, später auf drei pro Woche. „In der Gründungsphase habe ich den Sport auf Null zurückgefahren, was mir aber nicht guttat“, erzählt er. In der Folge nahm er sich wieder seine Freiräume: „Ich liebe den meditativen Aspekt beim Schwimmen.“

Nach der unglücklich geplatzten Übernahme der Firma durch die kanadische SQI Diagnostics Inc. im Jahr 2011 gründete die inzwischen profitable Scienion eine eigene Vertriebsgesellschaft für Nordamerika. Mit den bis dahin für Scienion aktiven US-Händlern hat Eickhoff aber immer noch Kontakt. Immerhin verbindet sie die „Flucht von Alcatraz“. Zweimal übernahm der Hobby-Wasserballer den Schwimmteil bei diesem Teamtriathlon. 2009 erreichte er bei 2.000 Startern als 16. den Strand, wo ihn ein staunender Staffelkollege erwartete. „Er hatte mir nicht geglaubt, als ich ihm gesagt habe, dass er relativ früh auf die Radstrecke gehen wird“, lacht Eickhoff.

Holger Eickhoff

Der Niedersachse hat in Heidelberg Chemie studiert und 1996 an der Universität Jena über die Hybridisierung fluoreszenzmarkierter Oktanukleotide zur DNA-Sequenzanalyse promoviert. Dem Thema blieb er auch in seiner Postdoc-Zeit am MPI für molekulare Genetik in Berlin treu, in die 2001 die Scienion-Gründung fällt. Derzeit sind 20% der Firma im Besitz der Gründer. Für die Zukunft plant Eickhoff, Scienion-Produkte auch in China, Indien, Japan und Südamerika zu verkaufen. Außerdem möchte er als Anbieter einer Companion Diagnostics-Anwendung in der Wertschöpfungskette einen Schritt nach oben klettern: „Wenn uns ein geeigneter Kandidat über den Weg läuft, dann schlagen wir zu.“ 

28.03.2013 Mit seiner Firma geht es aufwärts, doch privat schlägt Peter Ripplinger auch gern einmal die entgegengesetzte Richtung ein: Mindestens drei Mal im Jahr geht es tief unter die Erde.

Im Urlaub zieht es den Geschäftsführer des Stuttgarter Mikroalgen-Spezialisten Subitec GmbH in die faszinierende Welt der Höhlen: „Ich bin eigentlich Kletterer und Bergsteiger, doch leider sind diese Aktivitäten stark vom Wetter abhängig. Unter der Erde gewittert es hingegen nicht.“ Als Student ist man noch zeitlich flexibel, erzählt er, doch als Chef einer Firma muss sich das Hobby in den Takt der Geschäftstermine einfügen. Dass er die Schwerpunkte anscheinend richtig gesetzt hat, das zeigt die Entwicklung von Subitec. Im Jahr 2000 als Spin-off des Stuttgarter Fraunhofer-Institutes für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) gegründet, um marktreife Ideen patentrechtlich zu schützen, blieb Subitec zunächst von vielen unbemerkt. Geld für eine Startfinanzierung war schwer zu bekommen und von den aktiven Forschern des IGB konnte keiner in die Geschäftsführung des Start-ups wechseln. Dabei war die Idee, die maßgeblich von Walter Trösch – seinerzeit stellvertretender Leiter des IGB – entwickelt wurde, gut: sogenannte Flachplatten-Airlift(FPA)-Photobioreaktoren für die Massenkultivierung von Mikroalgen unter Nutzung von Sonnenlicht. 

Im Vergleich mit anderen Kultivierungsmethoden besticht das Subitec-System durch den niedrigen Energieverbrauch, der für die Reaktordurchmischung aufgewendet werden muss. Mit Kohlendioxid versetzte Druckluft steigt durch die Reaktoren auf, statische Mischer stellen die gleichmäßige Verteilung sicher. Dass Subitec 2007 aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurde, geht vor allem auf den High-Tech Gründerfonds (HTGF), der Ripplinger zum Einstieg bewog, – und natürlich Ripplinger selbst zurück. Standen bisher die Produkte der Algen im Vordergrund, rückte der Chemiker die Technologieplattform in den Fokus. „Ob hochwertige Endprodukte wie den roten Farbstoff Astaxanthin und die Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure oder massenweise Algenlipide für die Produktion von Treibstoffen – die FPA-Reaktoren können für hunderte erdenkliche Anwendungen eingesetzt werden“, so Ripplinger. Seit der Neuorientierung geht es stetig aufwärts. Mittlerweile sind vier Pilotanlagen in Deutschland montiert. 2009 hatte die Firma vier Mitarbeiter, 2011 sieben, jetzt zehn und für das kommende Jahr sind 15 bis 20 avisiert. 

Die Zukunftspläne kommen nicht von ungefähr, denn Ripplinger gelang 2012 ein Finanzierungscoup: Mit dem Wagnisfinanzierer eCapital an der Spitze konnte eine Finanzierungsrunde über 4,5 Mio. Euro abgeschlossen werden. Neben einem größeren Team soll auch ein neuer Standort bei Stuttgart aufgebaut werden. Obwohl es am IGB durchaus viele nutzbare Synergie-Effekte gibt, überwiegt der Wunsch, schneller wachsen zu können. „Wir emanzipieren uns von der Mutter“, scherzt Ripplinger. Dass das keine zaghaften Anstrengungen sind, wird sofort klar, als er die geplante Internationalisierung der Firma mit einem forschen „Jetzt geht es in die Welt hinaus!“ ankündigt. Schon jetzt ist Ripplinger mit Subitec erfolgreicher als mit seinem ersten, 1999 gegründeten Start-up, der Heidelberger Rootec. Trotz Finanzierungszusagen wurde eine Tranche der zweiten Runde nicht ausgezahlt. Das bedeutete das Aus „aufgrund der Wahl des falschen Investors“, wie Ripplinger betont. Die Technologie – ein Bioreaktor, in dem zum Beispiel Wurzeln wirkstoffhaltiger Pflanzen unter optimalen Bedingungen kultiviert werden können – wurde in die Schweiz verkauft. Ripplinger wurde selbständig, bis er vom HTGF ans Steuer der Subitec geholt wurde. Der Rest ist Geschichte, und wenn Ripplinger nicht in der Welt unterwegs ist, um die Flachplatten-Reaktoren an den Mann zu bringen, dann ist er vielleicht wieder einmal unter der Erde. In den Höhlen Mallorcas zum Beispiel. Für einen vielbeschäftigten Manager ein schöner Nebeneffekt des Hobbys: „Dort unten gibt es garantiert keinen Handyempfang!“

Peter Ripplinger

Der 52-jährige Peter Ripplinger ist geborener Saarländer. Aufgewachsen ist er jedoch am und im Odenwald in Viernheim und in Eberbach. Studium und Promotionszeit absolvierte Ripplinger ebenfalls nicht weit entfernt in Heidelberg. In seiner Doktorarbeit befasste sich der Chemiker mit den Wechselwirkungen von Cadmium- und Kalzium-Ionen mit Polyvinylsulfat. In den folgenden vier Jahren arbeitete Ripplinger als selbständiger Unternehmensberater, bevor er 1999 zum ersten Mal das Ruder eines Start-ups übernahm. Seit 2007 leitet der zweifache Familienvater die Stuttgarter Subitec GmbH. Sein Lebensmittelpunkt ist nach wie vor der Odenwald.

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